DDR-Leipzig 9. Oktober 1989 – 25 Jahre Angst-Erinnerung

Oktober 9, 2014

Lichtgeschwindigkeit 4974

am Donnerstag, 9. Oktober 2014

.

IMG_3781

Nikolaikirche Leipzig 1997: Superintendent Magirius stellte ein Strohfeld von DIETMAR MOEWS zum Erntedankfest auf die Kanzel

.

Warum nicht der SED-Funktionär Günter Schabowski den Friedens- und Literatur-Nobelpreis endlich zugesprochen bekommt, verstehe ich im Sinne der Unlogik der Preisträger-Auswahlen nicht.

.

War es nicht geradezu „Konfekt“ der Spontanlyrik: „… also – Ihre Ausreise“ (ach nee, das war Genscher), „…Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“ (SED-Schabowski am Tage der Maueröffnung).

.

Die Gefühle und Erinnerungsgefühle der Leipziger und der heutigen Menschen in Leipzig wünschen sich den 9. Oktober 1989 als alljährlichen Erinnerungs- und Gedenktag. Das wurde heute herausgehoben gefeiert.

.

Der Bundespräsident trat auf: Joachim Gauck, der evangelische Pfarrer aus Rostock, dessen Verdienste an der „Wende“, auf die Vorwendezeit bezogen, relativ sind.

.

IMG_3782

Nikolaikirche, Leipzig, im Jahr 1996

.

Dietmar Moews meint: Gaucks Behauptung in seiner heutigen Gedenkrede, es sei eine erhebliche Verschiedenheit zwischen Befreiung und Freiheit anzumerken, ist Blödsinn bzw. Zusammenhang verwirrend.

.

Man sollte Gauck mal auffordern gelegentlich über Befreiung und Freiheit zu reden – was ihm so einfällt, soll er doch reden. Das wird lustig.

.

Zum 9. Oktober 1989 jedenfalls hatte das Erlebnis für alle, die da in Leipzig betroffen oder konkret sinnlich beteiligt waren, das Gepräge von heller Angst. Kurt Masur, Gewandhausmeister (einer der Leipziger Sechs), erklärte: „eine bleierne Spannung lag über Leipzig“.

.

IMG_3780

Hier sieht man eine Abbildung der Situation nach dem 9. November 1989, als die DDR geknickt war. Bis dahin liefen die Dissidenten wie Schattenmenschen zusammen, ohne Plakate, ohne Transparente, aber zugeführt und abtransportiert werden hieß, Angst und Mut überhaupt hinzugehen.

.

IMG_3783

Leipzig, 9. Oktober 1989 nach dem Montagsgebet in der Nikolaikirche, zehntausende Leipziger ohne Plakate im Polizeispalier.

.

IMG_3805

.

Es ist auch jetzt die Erinnerung an diese einmalige, im Kollektiv erlebte, wahnsinnige Angst. Keine Eltern oder RAF mit Kinderwagen, man rief:

.

Eine Erinnerung an Befreiung, am 9. Oktober 1989? – einem Monat vor „Schabowski“. Welche Befreiung an jenem 9. Oktober?

.

IMG_3801

.

Die Befreiung aus der Nikolaikirche in die Gasse der bewaffneten Volkspolizei in der Ritterstraße?

.

Es ist hier eine gute Gelegenheit einmal Erlebnisberichte in ganz kurzer Form wiederzugeben. Dietmar Moews, zwischen 1996 und 1998 selbst wohnhaft am Nikolaikirchof im Nikolaikirchhaus, in persönlichen Kontakten mit dem Personal der Stadtkirche St. Nikolai und von einem anderen Leipziger Gemeindepfarrer, die am 9. Oktober 1989 dazwischen waren, mitgeteilt bekam:

.

IMG_3806

.

Am frühen Nachmittag des 9. Oktober 1989 strömten hunderte Stasi-Zivilisten in die Nikolaikirche, wo die regelmäßigen Montagsgebete abgehalten wurden. Diese Stasi-Leute kamen sehr früh. Sie besetzten die Kirche, damit keine anderen Leute mehr reinpassten. Man erkannte sie daran, dass sie Fremde waren, während sich die Montagsgebete-Leipziger untereinander kannten. Angeblich war dieser Gottesdienst mit über 2000 Personen überfüllt, die Nikolaikirche brechend voll.

.

Am 9. Oktober wussten alle Leipziger, dass es zu ungewöhnlichen Anordnungen der Staatsordnung gekommen war. Jeder Leipziger kannte jemand, der im Staatsdienst arbeitete. Seit Tagen waren Soldaten kaserniert. Jetzt waren Waffen und Munition ausgegeben. Jetzt waren Turnhallen und andere Räume als Notlazarette vorbereitet (ca. 20 Prozent der DDR-Bürger waren in staatlichen Diensten).

.

IMG_3795

.

Die gesamte Situation in der DDR, die wachsenden Demonstrationen, die auswuchernden Ausreise- und Fluchtbürger, kurz, ungewöhnlich viele Leipziger waren in die Innenstadt gekommen, um zu sehen, was passieren wird. Innerhalb des Ringes war Leipzig ungewöhnlich voll. Die Wegebeschränkungen durch Ordnungskräfte leiteten diesen ziellosen Strom bzw. stoppten und stauten die Menschen, Blickrichtung Nikolaikirchhof.

.

IMG_3799

.

Außerhalb der Nikolaikirche, wo sechs bis sieben Zugänge bzw. Straßen zum Nikolaikirchhof hinführen, war die gesamte Innenstadt Leipzigs von der uniformierten, bewaffneten Volkspolizei abgeriegelt. Dazu befanden sich ungezählte Geheimdienst-MfS bzw. Stasi-Personen in diesem inneren Kordon.

.

Als der Gottesdienst beendet war, strömten die Gottesdienstbesucher – die SED-Dissidenten und die MfS-Gottesdienstler – aus dem Nikolaikirch-Portal heraus und mündeten unausweichlich unmittelbar in eine Gasse, die die Bewaffneten gebildet hatten. Vorwärts im Spalier bewegte sich die Gottesdienstmasse über den Nikolaikirchhof in die Ritterstraße, Richtung Brühl bzw. Hauptbahnhof.

.

Die wegweisende Ordnungsmacht ging sowohl im Umzug mit und man leitete die außerhalb des Spaliers angestauten tausende, dann zehntausende Schaulustigen ebenfalls in den Anschluss dieser Massengasse. Alle – in Angst vor Waffengewalt und Polizeizugriff. Im Hintergrund wurden Bürger festgenommen und wurden zugeführt, lauter „mobile Zuführungspunkte“ – bewegten sich, wie im Laternenumzug, in Richtung des Stadtringes von Leipzig. Immer gelenkt von Polizeispalier, an der Thomaskirche, um die „runde Ecke“, den Innenstadtring weiter – man hätte sie ja auch zum Zoo ins Rosenthal führen können.

.

Die Ordnungsmacht hatte einen Angst-Demonstrationszug geformt und diese Menschenwalze auf den Ring geführt: Angst war die Emotion. Falsch ist, zu sagen: Die Leipziger sind zur großen Demonstration gegangen – man ließ sie treiben, wie das Vieh zur Koppel.

.

Dann geschah, was uns die Filmdokumente zeigen. Demonstranten merkten, dass die ungewöhnlich große Zahl der uniformierten Waffenträger und Staatssicherheits-Dienstler ebenfalls sehr verängstigt und geladen waren: Gorbi, Gorbi – das durfte man rufen. Wir sind das Volk – durfte man rufen. Stasi in die Produktion? Wir wollen keine Gewalt!

.

IMG_2885

Das Strohbild von der Kanzel in der Leipziger Nikolaikirche in der Kölner Südstadt 2014

.

Sebastian Krumbiegel, der Leipziger Musiker, erklärte heute erneut (Phoenix-TV), er sagte:

.

„Ich war erst später dabei – ich hatte zu viel Angst“.

Der misshandelte Pfarrer Christoph Wonneberger erklärte heute: Ich hatte nur Angst, wir hatten Angst.

.

Krumbiegel und Wonneberger widersprechen damit Gauck. Alle reden rückwirkend von ihrer revolutionären Kraft.

.

IMG_3011

.

und BESTELLEN

subscription to Dietmar Moews Abonnement von Dietmar Moews un abonnement à Dietmar Moews,

Blätter für Kunst und Kultur erscheinen in loser Folge im Verlag Pandora-Kunst-Projekt Köln

Blätter Neue Sinnlichkeit

.

Indem ich Ihnen ein langes Leben wünsche, sparen Sie auf diese Weise ganz erheblich.

Abonnement auf Lebenszeit für EURO 500,- (oder entsprechender Landeswährung)

Einzelpreis oder Abonnement inkl. Versand EURO 10.-, Schüler bei Selbstabholung EURO 2.-

Abonnieren Sie mit Namen, Postanschrift, Ort, Datum, Unterschrift sowie EURO 500 zur Verrechnung bei:

PANDORA KUNST PROJEKT

zu Händen Dr. Dietmar Moews

Mainzer Straße 28

D-50678 Köln am Rhein