Politik als Beruf von MAX WEBER mit Windbeuteln

April 7, 2019

Lichtgeschwindigkeit 9106

am Montag, den 8. April 2019

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„POLITIK ALS BERUF“ lautet der Titel eines Vortrages des Politologen MAX WEBER, im Jahr 1919 vor Studenten in Preußen gehalten, der den Katalog der Beachtlichkeiten behandelt, den Wahlbürger der Gesinnungen und Politiker der Verantwortungen über Gewaltpraxis im Staat kennen sollten.

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Aus POLITIK ALS BERUF folgt hier eine zitierte, kurz kommentierte POINTE.

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MAX WEBER wird unqualifizierter Weise heute oft als SOZIOLOGE angesprochen. Ich korrigiere diese Zuordnung mit dem Argument, WEBER hat sich stets um politische Themen gesorgt und hat stets auch politologisch bzw. empirisch-politisch gewertet. MAX WEBERS sozialen Ansagen waren selten soziologischer Wissenschaft bzw. schon gar nicht empirischer Soziologie entsprungen bzw. nicht da angebunden – nebenbei gesagt, MAX WEBER übte keine wissenschaftliche Soziologie aus, hatte solche auch nirgends erlernt oder studiert, weder methodisch oder in wissenschaftlichen Verfahren, sondern vielmehr schwadroniert MAX WEBER mit Mutterwitz und Bauernschläue durch im Spagat zwischen Lebensmüdigkeit und Alkohol und seinen nüchternen bzw. ernüchternden Lebenserfahrungen herum. Indem sich heute viele Leute, die keine Ahnung davon haben, anmaßen, über soziologisches Verständnis für politische Wertungen zu verfügen, stempelt man MAX WEBER das Etikett SOZIOLOGIE auf, weil seine Exkurse meist mehr Relevanz in der Wirklichkeit hatten, als Theorien oder Programme die BERUFSPOLITIK proklamierten.

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S. 92 „… Mit dem Datum des Geburtsscheines bei Diskussionen überstochen zu werden, habe auch ich mir nie gefallen lassen; aber die bloße Tatsache, dass einer 20 Jahre zählt und ich über 50 bin, kann mich schließlich auch nicht veranlassen zu meinen, das allein wäre eine Leistung, vor der ich in Erfurcht ersterbe. Nicht das Alter macht es. Aber allerdings. die geschulte Rücksichtslosigkeit des Blickes in die Realitäten des Lebens und die Fähigkeit, sie zu ertragen und ihnen innerlich gewachsen zu sein.

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Wahrlich: Politik wird zwar mit dem Kopf, aber ganz gewiss nicht nur mit dem Kopf gemacht. Darin haben die Gesinnungsethiker durchaus Recht. Ob man aber als Gesinnungsethiker oder als Verantwortungsethiker handeln soll, und wann das eine und das andere, darüber kann man niemandem Vorschriften machen. Nur eins kann man sagen: wenn jetzt in diesen Zeiten einer, wie Sie glauben, nicht „sterilen“ Aufgeregtheit – aber Aufgeregtheit ist eben doch und durchaus nicht immer echte Leidenschaft -, wenn da plötzlich die Gesinnungspolitiker massenhaft in das Kraut schießen mit der Parole:

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„Die Welt ist dumm und gemein, nicht ich; die Verantwortung für die Folgen trifft nicht mich, sondern die andern, in deren Dienst ich arbeite, und deren Dummheit oder Gemeinheit ich ausrotten werde“, so sage ich offen:

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dass ich zunächst einmal nach dem Maße des inneren Schwergewichts frage, das hinter dieser Gesinnungsethik steht, und den Eindruck habe:

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dass ich es in neun von zehn Fällen mit Windbeuteln zu tun habe, die nicht real fühlen, was sie auf sich nehmen, sondern sich an romantischen Sensationen berauschen.

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Das interessiert mich menschlich nicht sehr und erschüttert mich ganz und gar nicht. Während es unermesslich erschütternd ist, wenn ein reifer Mensch einerlei ob alt oder jung an Jahren -, der diese Verantwortung für die Folgen real und mit voller Seele empfindet und verantwortungsethisch handelt, an irgendeinem Punkt sagt: „Ich kann nicht anders, hier stehe ich.“ Das ist etwas, was menschlich echt ist und ergreift. denn diese Lage muss freilich für jeden von uns, der nicht innerlich tot ist, irgendwann eintreten können. Insofern sind Gesinnungsethik und Verantwortungsethik nicht absolute Gegensätze, sondern Ergänzungen, die zusammen erst den echten Menschen ausmachen, den, der den „Beruf zur Politik“ haben kann.

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Und nun, verehrte Anwesende, wollen wir uns nach zehn Jahren über diesen Punkt einmal wieder sprechen. Wenn dann, wie ich leider befürchten muss, aus einer ganzen Reihe von Gründen, die Zeit der Reaktion längst hereingebrochen und von dem, was gewiss viele von Ihnen und, wie ich offen gestehe, auch ich gewünscht und gehofft haben, wenig, vielleicht nicht gerade nichts, aber wenigstens dem Scheine nach wenig in Erfüllung gegangen ist – das ist sehr wahrscheinlich, es wird mich nicht zerbrechen, aber es ist freilich eine innerliche Belastung, das zu wissen – dann wünsche ich wohl zu sehen, was aus denjenigen von Ihnen, die jetzt sich als echte „Gesinnungspolitiker“ fühlen und an dem Rausch teilnehmen, den diese Revolution bedeutet, – was aus denen im inneren Sinne des Wortes „geworden“ ist. Es wäre ja schön, wenn die Sache so wäre, dass dann Shakespeare 102. Sonett gelten würde:

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Damals war Lenz und unsere Liebe grün,

Da grüßt‘ ich täglich sie mit meinem Sang,

So schlägt die Nachtigall in Sommers Blühn –

Und schweigt den Ton in reifrer Tage Gang.

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Aber so ist die Sache nicht. Nicht das Blühen des Sommers liegt vor uns, sondern zunächst eine Polarnacht von eisiger Finsternis und Härte, mag äußerlich jetzt siegen welche Gruppe auch immer. Denn: wo nichts ist, da hat nicht nur der Kaiser, sondern auch der Proletarier sein Recht verloren. Wenn diese Nacht langsam weichen wird, wer wird dann von denen noch leben, deren Lenz jetzt scheinbar so üppig geblüht hat? Und was wird aus Ihnen allen dann innerlich geworden sein? Verbitterung oder Banausentum, einfaches stumpfes Hinnehmen der Welt und des Berufes oder, das dritte und nicht Seltenste: Mystische Weltflucht bei denen, welche die Gabe dafür haben, oder – oft und übel – sie als Mode sich anquälen? In jedem solchen Fall werde ich die Konsequenz ziehen: die sind ihrem eigenen Tun nicht gewachsen gewesen, nicht gewachsen auch der Welt, so wie sie wirklich ist, und ihrem Alltag:

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Sie haben den Beruf zur Politik, den sie für sich in sich glaubten, objektiv und tatsächlich im innerlichsten Sinn nicht gehabt. Sie hätten besser getan, die Brüderlichkeit schlicht und einfach von Mensch zu Mensch zu pflegen und im übrigen rein sachlich an ihres Tages Arbeit zu wirken.

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Die Politik bedeutet ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich. Es ist ja durchaus richtig, und alle geschichtliche Erfahrung bestätigt es, dass man das Mögliche nicht erreichte, wenn nicht immer wieder in der Welt nach dem Unmöglichen gegriffen worden wäre. Aber der, der das tun kann, muss ein Führer und nicht nur das, sondern auch – in einem sehr schlichten Wortsinn – ein Held sein. Und auch die, welche beides nicht sind, müssen sich wappnen mit jener Festigkeit des Herzens, die auch dem Scheitern aller Hoffnungen gewachsen ist, jetzt schon, sonst werden sie nicht imstande sein, auch nur durchzusetzen, was heute möglich ist. Nur wer sicher ist, dass er daran nicht zerbricht, wenn die Welt, von seinem Standpunkt aus gesehen, zu dumm oder zu gemein ist für das, was er ihr bieten will, dass er all dem gegenüber: „dennoch!“ zu sagen vermag, nur der hat den „Beruf“ zur Politik.“

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Dietmar Moews meint: Ich würde mich freuen, dass hier auch weniger geübte Leserinnen und Leser einsteigen, zu ermessen, wie sehr sie das schwimmende Prinzip von Gesinnungsethik und Verantwortungsethik bei sich selbst erleben und hiermit zielführend – also lebensbejahend – umzugehen vermögen.

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Und eigentlich hat es MAX WEBER – in einem Vortragssaal zum Auditorium geredet – sehr brüsk ausgedrückt: „neun von zehn Fällen mit Windbeuteln“ – um dann doch aus dem Wirkungskomplex die dialektische Schärfe herauszunehmen:

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Anforderung an Politik (und an Politik als Beruf) ist letztlich immer VERANTWORTUNG in der Durchsetzung von GEWALT -.

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Dafür hat der politische Mensch (nicht nur der Berufspolitiker) auf wirkliche Daseinsvorsorge und Zukunftsgestaltung seine GESINNUNG einzustimmen.

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Der alte Meisterspruch:

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Wenn alle treu auf ihre Pflichten sehen … dann wird der Handwerk Segen sie begleiten.“

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Kann noch immer, nach 100 Jahren, die politische Lebenserfahrung von MAX WEBER als Folie genutzt werden, wenngleich sich Organisationsformen (der Verantwortungsentkopplung durch intermediäre NGO) und die entkoppelte digitale Echtzeit-Kommunikation, inzwischen zu veränderten Steuerungs- und Kontrollpraktiken bzw. zu juristisch-kaufmännischen Schattenspielen entwickelt worden sind. Hinzu kommen die globalen Dimensionen des politischen Verkehrs und die geschwächten nationalen Selbstbestimmungen.

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Wer allerdings mit totalitärer Rechnerkapazität und KI (Künstlicher Intelligenz) die Neugeborenen mit ihrer menschlichen Intelligenzkapazität in alle zukünftige Ewigkeit übertölpelt, wird – wie immer bei geschlossenen Technologien (s. Atomtechnik) – den Geist nicht mehr in die Flasche zurück bringen können, den er heraus-digitalisiert hat.

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Das ist historisch das Ende dieser Geschichte.

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Nun wird auf die neue Geschichte mit KI digital gehofft. Das ist bereits gescheitert, wie die Atombomben – nur anders, denn es wird profithalber eingesetzt.

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Max Weber (1864-1920) – ein impressionistischer Professor

April 21, 2014

Lichtgeschwindigkeit 4322

am 21. April 2014

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150ster Geburtstag eines preußischen Großbürgers, Zeuge des untergehenden Kaiserreichs im Staatsdienst – und mir scheint, die Laudatoren sind weitreichend derart fachlich unbedarft, dass ihnen wenig einfällt, was dem heutigen deutschen Konsumbürger zu Max Weber und von der Reichsgründung 1871 bis zum Großen Krieg 1914 mitzuteilen wäre. Es fehlen der Überblick und die Urteilskraft den Flickenteppich von Impressionismus zu unterscheiden. Halt, eine Ausnahme: Jürgen Kaube in Frankfurt am Main, genialer Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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Jürgen Kaube zu Max Weber

Die Biografie „MAX WEBER – Ein Leben zwischen den Epochen“, Rowohlt 2014, von Jürgen Kaube (geb. 1952, studierter Volkswirt). Kaube hat ein herausragendes Buch für unsere heutige postmoderne Situation in der IT-Revolution geschrieben (von IT-Revolution ist darin keine Rede). Kaubes WEBER ist quasi Kaubes eigene Lebensweisheit, auf der Höhe unserer Zeit dargestellt. Man könnte das Buch auf die Kaubesche Werturteile eingedampft als geistiges Vermächtnis bzw. auch als einen Nachruf auf den exquisitesten deutschen Publizisten dieser Zeit – Jürgen Kaube – gültig vortragen. Sein Buch ist aber eine sehr gründliche, gelungene Feldarbeit – das betrifft den Aufbau, die Stoffgewichtung und all die unerlässlichen An- und Abgrenzungen. Es enthält ein sorgfältiges Literaturverzeichnis und einen Fußnoten/Quellen/Zitaten-Teil, leider kein Stichwort-Register. Es ist angemessen werturteilend, ohne unangemessene Vorurteile oder Ideologielast.

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Wir erfahren, dass Max Weber, außer seiner Dissertation und seiner Habilitation, bis zu seinem Tod mit 56 Jahren, keine Buchveröffentlichung hatte. Hier machen die meisten heutigen Max-Weber-Anrufer schon ihre irrlaufenden (sie wissen es wohl nicht besser) Irreführenden (Weber hatte nämlich ganz wenig Resonanz in seiner Zeit) Heraushebungen, wo es heißt: Max Weber, der große deutsche Soziologe. Und wieso Soziologe?

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Émile Durkheim wird von Kaube erwähnt – Max Weber hat den anscheinend gar nicht gekannt. Aber Durkheim und Simmel sind die artistes étoile der Weberzeit – mit Seinsbindung und Gültigkeit bis heute.

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Wir erfahren bei Kaube, wie unsere eigene politische Vorgeschichte aus der Aufklärung hervorkommt. Durch den Frühkapitalismus, durch die Reichsgründung, durch den überragenden Kanzler Otto von Bismarck, durch ein schmalbrüstig adeliges Großbürgertum, Alles inmitten der industriellen Revolution der Dampfmaschinen und der Elektrifizierung – findet der studierte Jurist und Volkswirt Max Weber, mit kameralistischen Offizialaufgaben betriebswirtschaftlich erfahren, heraus, dass repräsentative Demokratie Demokraten benötigt. Weber meinte, es sei wünschenswert, dass Großbürgersleute in den Parlamenten und in den Parteien aktiv Verantwortung übernehmen müssten – woran es aus seiner Sicht erheblich gebrach. Nach Max Webers Einschätzung hatte das Deutsche Reich seiner Zeit nicht das fähige parlamentarische Personal (Kaube zitiert aus Briefen zwischen Max, dem älteren Bruder, mit Alfred Weber, dessen wissenschaftliche Arbeiten nicht der Zeiterfordernis aus Maxens Sicht genügten).

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Jürgen Kaube scheint nicht die heute verfügbaren Werke von Marx und Engels, auf die Bedeutung für Max Weber hin, abgecheckt zu haben. Angesichts der irrlaufenden heutigen biografistischen Weber-Rezeption wäre es aber wünschenswert, zu zeigen, dass Max Weber keineswegs ein bürgerliches „Anti-Kapital“ herauszubringen gesucht hatte. Sowas schreiben laufend solche Schreiberlinge, die Marx selbst nicht ausreichend kennen (z. B. am 19. April 2014 in der TAZ Detlef Clausen). Marx‘ Werke waren zu Max Webers Zeit nicht publiziert. Das Kapital von Karl Marx ist ein sekundärliterarisches Exzerpten-Geschreibsel, das den von Marx selbst proklamierten Ansprüchen nur in so weit genügte, dass ihm Friedrich Engels dafür die Subsidien monatlich (in durchgeschnittenen Pfundnoten per Briefen von Manchester Nach London, später dann die erschwindelte Rente zu Marx’Gunsten der Engelschen Textilunternehmung) schenkte.

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Das Marxbuch „Kapital“ ist nicht mal eine nachvollziehbare Textgliederung, geschweige denn eine wissenschaftliche Argumentation oder gar eine historisch-dialektische Seherleistung. Nun hat also Kaube seinen Weber nicht vertieft auf Marx abgeklopft – schon kommen Schlaumeier und bemängeln das – wie immer bei Marx: Ohne Argumente, ohne gültige Zitate – eben Sozialismus.

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Kaubes Satz trifft: „Kein Buch, keine Kinder, kein Krieg, kein Vermögen, kein Einfluss.“

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Dietmar Moews meint:

Webers Zeitgenosse, der Soziologe Georg Simmel hatte zu seiner Zeit und bis heute soziologische und anthropologische (Über die Liebe) Erkenntnisse erarbeitet und publiziert, an dessen Wirkungsgrad und Gültigkeit Max Weber überhaupt nicht heranreicht.

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Weber hatte geerbt, angeheiratet, war wegen Depressivität kaum in der Hochschullehre tätig – seine Publikationen hat seine Witwe Marianne Weber erst nach Webers Tod initiiert, begonnen mit lesenswerten „Schriftchen“ und einer Biografie „Lebensbild“.

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Es ist seit Langem eine Max-Weber-Gesamtausgabe in Arbeit. Mit der informativen 1000-seitigen Biografie von Dirk Kaesler „Max Weber“ Preuße, Denker, Muttersohn. Eine Biographie, bei C. H. Beck 2014, die auf einen „kleiner Weber“ von 2011 folgte, liegt noch von Joachim Ratkau „Die Leidenschaft des Denkens“ vor – also Sekundärweber im Barockmaß.

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Es ist aber dagegen zu setzen: Weber hat sehr viel detailliert zur betriebswirtschaftlichen politischen Lage seiner kapitalistischen Zeit überliefert. Das muss man sich lesend selbst erschließen, um erkennen zu können, wie viel Geltung daraus mit Weber für die heutige IT-Revolution brauchbar sein könnte. Ich sage es unverblümt: Es ist sehr wenig Brauchbares. Wer mitdenkt, kommt ständig an das anthropologische Grenzspiel: Die Menschen suchen Erleichterung – „vergesst Fairness und Gerechtigkeit.“ (wie Friedrich Wilhelm Grafs „Weber“ in DIE WELT am 19. April 2014 zynisierend überschrieben ist).

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Deshalb zusammenfassend: Wir werden numehr nur noch wenig Gewebere von den kümmerlichen Restmarxisten erdulden müssen. Biografismus ist lesernah, ja, aber Geltung ist bei der knappen Leserzeit doch tragfähiger:

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Warten wir also auf die große Kaube-Werksausgabe. Weber war kein Shakespeare, kein Martin Luther und kein Goethe – was? Weber war kein Konfuzius? War Weber ein Marx? Nun – Webers Geldquelle hieß nicht Engels, sie hieß Großbürgersfamilien. Max Weber war intelligent, dynamisch und sensibel. Triebverzicht und Triebhemmung sind kein Luxus. Tja, das tut weh.

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Bürgerpolitik: Eine Freundin emailt – Doktor Winterlatt antwortet

April 2, 2014

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am 2. April 2014

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Gruß

Lieber Kuckuck. Beunlustigt beobachte ich bei mir selbst, so oft ich mit Repräsentanten unzufrieden bin, besonders bei Politikern geht es mir so, dann überfallen mich zusätzlich Ekelgefühle angesichts von Niedertracht und anscheinend geringer Bildung. Damit meine ich gar nicht Wissen oder Können oder Professionalität, sondern das übergreifende Gepräge durch Menschlichkeitswissen, Weisheit und Augenmaß, das man wohl braucht, um Gerechtigkeit zu erkennen und auch durch Selbstdisziplin der Allgemeinheit gegenüber zu bringen, auch da wo es sich nicht direkt auszahlt oder kostet.

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Beinahe glaube ich, dass ich besonders ärgerlich bin, wenn ungebildete Leute gleichzeitig reich und mächtig sind, als sei ein bescheuerter Millionär schlimmer als ein strunziger Hilfsarbeiter.

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Ist es nicht auch überhaupt schwierig, jemand Bildung, sich zu bilden nahezulegen, der Zweck und Nutzen solcher Anschaffung gar nicht zu gebrauchen wüsste? Was könnte man dem Ungebildeten sagen, der täglich erlebt, wie gute Sitte oder Moralverpflichtetheit ausgenutzt und bestraft wird, während die Rücksichtslosen den Ton angeben?

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Antwort

Man muss sich da wirklich hineindenken und sich fragen, in welchen sozialen Situationen, wo man selbst entscheidet, wie man sich verhält und was man dazu sagt – meist sind das, Verhalten und Erklärungen, unterschiedliche Positionierungen -, wie sehr man dabei auf Gerechtigkeit oder ein übergeordnetes So-Sein-Sollen auch selbst befolgt? Wie gesagt, reden wir nicht einfach von Gesetzestreue und Recht und Ordnung. Wir reden von Spielräumen allgemeiner und konkreter Regeln, ja auch Vorschriften, an denen man sich vorbeimogeln kann, die man einfach übersieht oder gar nicht kennt, oder in dem man glaubt: Merkt ja keiner! Oder: Zahlt ja die Versicherung!

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Am einfachsten scheint dazu Beispiele zu betrachten, in denen man selbst den Bildungsmangel anderer Adepten erleidet und ärgerlich wird.

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Bei Max Weber, dem „Sozialkundler“, gibt es Betrachtungen über seine Zeit – Ende des 19. Jahrhunderts bis1920, als es speziell im 1871 gebildeten Ersten Deutschen Reich politische Parteien gab und Bürgerliche gab, die Kapitalisten waren und Parlamentsabgeordnete, dass es außerdem auch weiterhin Adelige und Militärs gab, die in der Staatspolitik aktiv waren. Und Max Weber erklärte, dass und wie welche neuen verschiedenen Bürgertümer, Kaufleute, Ingenieure, Künstler, Ärzte, Adelige, Privatiers, Bankiers, Professoren, Militärs, nicht unbedingt gebildet waren. Ein Adeliger war nicht von der Famileinabkunft her gebildet. Ein Schneider oder Buchdrucker waren eher gebildet, weil er seine Lebenszeit zum Denken und Nachdenken benutzen konnte – ein Kaufmann oder Börsianer war stets in Hektik und ziemlich bedenkenlos ungebildet.

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Wer Millionäre für faule Zeitgenossen hält, die auf ihren Yachten Veuve Clicquot süffeln, irrt. Sie sind süchtig nach politischer Arbeit und wollen dem Gemeinwesen dienen. Nicht nur in der Ukraine oder in Russland ist das eine schöne Tradition, im US-Senat sitzen sie zu Hunderten, in der britischen Regierung haben sie die Mehrheit, im chinesischen Parlament sind es schon 75. Jedenfalls sagen die das – ihr Verhalten ist meist anders, nämlich eigensüchtig und rücksichtslos geartet.

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Dagegen wirken die paar reichen Hanseln in der französischen, spanischen oder kosovarischen Politik geradezu lächerlich. Ganz zu schweigen vom Berliner Senat. In dem vertreibt sich einer der wenigen Kuponschneider die Langeweile im Finanzressort, ohne dass die hochqualifizierte Amtsführung ihre Spuren in der Stadt hinterließe. Unauffälliger hätte es auch ein Nichtmillionär oder Kontoüberzieher nicht machen können.

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Fragen wir also: Soll ein Millionär im Parlament nicht mal Gehalt bekommen? Abgeordnetenvergütung? Ist es denn nur zum Kotzen? Weder Karl Marx noch die von ihm aus den zu kurzen Ärmeln gezauberten Arbeiterklassen waren gebildet, in dem deren teils verschärftes Auskennen keinesfalls zu moralischer Qualität, mehr als Selbstgerechtigkeit je gereicht hätte. Heinrich Heine, der Schriftsteller entsprang dem deutschen Bankiersbürgertum, war nicht die Arbeiterklasse. Marx selbst war Gereichtsrats Sohn, ein übler Wicht, wie man in sämtlichen Hinterlassenschaften stets unerwünscht mitgeliefert bekommt, wenn man Marx nur anfasst: ÜBEL. Und die gebildete Arbeiterschaft?

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Ich glaube, mit Machiavelli, dass Republik besser ist als alle anderen Sozialorganisationen. Wie ökonomisch leistungsfähig eine Organisation im Konkurrenzkampf sein kann, wenn stets prozessurale Abstimmungen zwischen Profitentscheidung und demokratischer Mitbestimmung wegen Gerechtigkeit und so weiter gefunden werden müssen, während auf der Gegenseite der Sultan Putin seine Bildung ausspielt? – das ist die Frage zur Staatskunst.

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Niemand ist gehindert, in seinen politischen Gesprächen stets auch Bildungsfragen, Gerechtigkeit und Schönheit anzusprechen.

Kuckuck