Weihnachtsruhm in Köln für Wilhelm Raabe

Dezember 26, 2015
Lichtgeschwindigkeit 6129

Vom Samstag, 26. Dezember 2015

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Vorab zur Medienlage der Bereitstellungsmedien vom Staat und von den Werbegeschäftlern:

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Da ist – wie fast immer über die Weihnachtstage – ohne Verschwörung der Publizisten untereinander, schlicht und einfach Erschöpfung und Unterbesetzung in den Redaktionen maßgeblich, kurz: Sie bringen eigentlich nichts als Agentur-Tickermeldungen. Deshalb hier WILHELM RAABE:

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Es schneiete heftig, es hatte fast den ganzen Tag hindurch geschneit. Als es Abend werden wollte, verstärkte sich die Heftigkeit des Sturmes; das Gestäube und Gewirbel um die Hütten des Dorfes schien nimmer ein Ende nehmen zu wollen; verweht wurden Weg und Steg. Im wilden Harzwald, nicht weit von dessen Rande die armen Hütten in einem Häuflein zusammengekauert lagen, sauste und brauste es mächtig. Es knackte das Gezweig, es knarrten die Stämme; der Wolf heulte, wenn die Windsbraut eine kurze Minute lang Atem schöpfte; – man schrieb den vierundzwanzigsten Decembris im Jahr Eintausendsechzehnhundertundachtundvierzig.

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Dominus Magister Friedemann Leutenbacher, der Pfarrherr zu Wallrode im Elend, hatte den ganzen Tag über an seiner Weihnachtspredigt gearbeitet, und Speise und Trank, ja schier jegliches Aufblicken darob versäumt; das irdische Leben war so bitter, dass man es nur ertragen konnte, indem man es vergaß; aber der Prediger im Elend konnte es nicht vergessen; eine solche Weihnachtsrede hatte er noch nicht schreiben müssen. Er war nicht alt, der Pfarrherr zu Wallrode; er war im Jahre Sechzehnhundertzehn geboren; allein dreißig Jahre seines Daseins mochten dreifach und vierfach gerechnet werden; eine solche Zeit des Greuels und der Verwüstung hatte die Welt nicht gesehen, seit das Imperium Romanum versank vor den wandernden Völkern. Nun war das zweite Imperium, das römische Reich deutscher Nation auch zerbrochen, und wenngleich die Ruine zur Verwunderung aller Welt noch durch hundertundfünfzig Jahre aufrecht stand, so lösten sich doch bei jedem Sturm und Wind verwitterte, morsche Teile ab und stürzten mit Gekrach hernieder. So war es geschehen, als man den Frieden zu Münster und Osnabrück schloss, und zwei Drittel der Nation waren verschüttet worden durch den Dreißigjährigen Krieg …

Es schneiete heftig, und es schien nimmer ein Ende nehmen zu können; die Dämmerung aber nahm wohl eine Stunde zu früh dem schreibenden Magister die Feder aus der Hand; es war ihm, als ob sie auch leise und unmerklich in sein Hirn gekrochen sei, als er aufblickte und einen Blick um sich her und durch das Fenster warf. …

…lag der Schnee mannshoch; im Walde konnte der Sturm nicht also sein Spiel mit ihm treiben; – in manchen Gründen war die Luft so still, wie hinter einer hohen Mauer, und nur das Gebrüll zu Häupten und das Ächzen und Wiegen der Stämme war hier ein Zeichen, wie’s von Wipfel zu Wipfel, von einer Höhe zur andern in die Eben hinausfuhr.

Die Kinder und die Irren hält Gottes Hand fest auf ihren Wegen; – seinen Weg durch den verschneiten Wald konnte der Pfarrer von Wallrode nur durch ein Wunder finden. In seinem zerrüttetem Gehirn war jetzt seltsamerweise nur alles liebliche Frühlings- und Sommerglück der letzten elf Jahre lebendig. Wo er brusttief in dem aufgehäuften Schnee versank …

Der Wind hatte seine Stimme wiederum erhoben; doch nicht so laut denn zuvor. Im Kreise schritt Friedemann Leutenbacher um die Hütte an der hohen Tanne, rang die Hände und rief den Namen:

Else! Else!“

Ihm antwortete niemand, sogar den Widerhall schien der Schnee im Walde erstickt zu haben. Die Nacht war jetzt so dunkel wie jene andere furchtbare Nacht, deren Nahen der Prediger so wild in seinem Schmerz verkündet hatte – … Ehrn Friedemann Leutenbacher verlor sich in der Wildnis. Er wanderte und wusste nicht wohin. Durch tiefen Schnee und über kahle Flächen, Berg auf und ab, weiter und immer weiter jagte ihn die unendliche Angst seiner Seele. Er fiel und richtete sich empor, er zerriss die Hände und die Gewänder und das Gesicht an den Dornen; er sank von neuem zu Boden und sagte abermals:

Er hat mich in Finsternis geleget wie die Toten in der Welt.“

Allmählich war es bitter kalt geworden, und nur noch einmal gelang es dem Unglücklichen, sich zu erheben und weiter zu schwanken. Ohne es zu wissen, stieg er immer mehr aus den Tälern empor, zu jener Höhe, von welcher er Elsen von der Tanne Städte und Dörfer, Fluss und Bach bis in die weiteste Ferne gedeutet hatte. Er hörte eine ferne Glocke, nannte den Namen eines Fleckens und strich mit der Hand über die Stirne und sagte, dass es Mitternacht sei.

Er stand schaudernd in dem pfeifenden eisigen Winde und legte lauchend die Hand an das Ohr, wie jemand, der erwartet, dass man seinen Namen rufen werde. Nachdem er lange Zeit so gestanden hatte, schüttelte er das Haupt und sank in sich zusammen.

Sein Kopf ruhte auf einem Felsblock, sein Leib streckte sich lang, seine Hände mit den bluroten Narben um die Gelenke kreuzten sich über der Brust, – Friedemann Leutenbacher, der Prediger am Worte Gottes zu Wallrode im Elend, glaubte jetzt, er liege in seinem Sarge und der Deckel über ihm; während er aber dumpf darum grübelte, wie es komme, dass er noch von sich wisse und denke, entschlief er und ging in einem Raume fort, ging hinüber auf dem Wege, den Else von der Tanne gegangen war …“

 

(aus „Else von der Tanne“ von Wilhelm Raabe).

 

https://www.youtube.com/watch?v=f5GTvdXDOzw

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1. Großer Gott, wir loben dich,
Herr, wir preisen deine Stärke.
Vor dir neigt die Erde sich
und bewundert deine Werke.
Wie du warst vor aller Zeit,
so bleibst du in Ewigkeit.

2. Herr, erbarm, erbarme dich,
denn der Mensch bedroht die Erde.
Unsre Seele sehnet sich,
dass du sprichst ein neues „Werde“!
Gib uns Kraft, Verstand und Mut,
hilf bewahren der Schöpfung Gut.

3. Hilf zu schützen deine Welt
mit den Wassern und den Wäldern,
mit den Tieren ungezählt
in der Luft, im Meer, Wald und Feldern.
Lass uns folgen deiner Spur
für den Schutz der Kreatur.

4. Mach von Angst die Herzen frei,
frei von Zwängen, Süchten , Ketten.
Brich der Habgier Macht entzwei.
Du nur kannst uns daraus retten.
Du nur kennst der vielen Not,
denen Arbeit fehlt und Brot.

5. Sieh, wie Kinder hungern hier,
während Menschen Korn zerstören.
Grösstes Unrecht ists vor dir,
andrer Hilfeschrei nicht zu hören.
Gib uns Kraft, gib eine Sicht,
dass des Elends Joch zerbricht.

6. Ja, erbarm, erbarme dich.
Es bedroht der Mensch die Erde.
Unsere Seele sehnt sich,
dass du sprichst ein neues „Werde!“
und ein Frieden weltweit sei.
Mach für ihn uns Menschen frei.

7. Zünd in uns dein Feuer an,
dass die Herzen gläubig brennen
und, befreit von Angst und Wahn,
wir als Menschen uns erkennen,
die sich über Meer und Land
reichen fest die Friedenshand.

8. Mach vom Hass die Geister frei,
frei von Sündenlast und -ketten;
bricht des Mammons Reich entzwei;
du nur kannst die Menschheit retten.
Rette uns aus Schuld und Not,
Heilger Geist, barmherz’ger Gott.

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Dietmar Moews meint: Man darf nur noch über das sprechen, was man an Dingen mit sich herumträgt – ansonsten schweigen und still sein, zuhören, was andere über ihre Dinge ansinnen. Das klingt doch lustig.

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Man dürfte „Gullivers Reisen“ lesen, das Vorbildbuch von Jonathan Swift und hätte zukünftig ein Wörtchen mitzureden, wenn andere lallen und stottern – da werden nämlich Fragen der Borniertheit und der Sprachverwirrungen durchgespielt.

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Gespielt“ ist das Stichwort von Dittsche. Und „Spielen“ darf wohl sein – aber der ganze Ernst, dass die große Zahl Spiel und Ernst nicht mehr unterscheiden können und damit Ironie, Pathos, Idolzertrümmerung und andere Lebenswichtigkeiten erstmal ungeeignet bleiben, wollte man Kultur aus Sinn schöpfen.

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Gut. Dann eben Existenzialismus. Da fragt man im Hier und Jetzt, was nun?

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Wir essen jetzt Walnüsse statt Meeresfische. Monsanto gibt es jetzt als Gleitcreme und als Brotaufstrich.

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Ein menschliches Ansinnen an Monsanto am zweiten Weihnachtstag ist besser als eine materialistische Materialschlacht und besser als die Abkehr von den Dingen nach Innen. Innen sind Glyphosat, die Schmerzen und der Tod.