Gründungsmythos der GRÜNEN und wie es wirklich war

August 21, 2014

Lichtgeschwindigkeit 4805

am Donnerstag, 21. August 2014

.

IMG_3541

.

Was manchmal so komisch wirkt, wenn man in der Zeitung liest, was man persönlich miterlebt hat.

.

Ich lebte beim Superhochwasser im Jahr 2002 in der Dresdener Neustadt. Bei uns im Haus Louisenstraße 89 stand das Grundwasser im Keller. Die nachbarliche Prießnitz war im Gemeinschaftshaus Oostende, gegenüber, bis zum Erdgeschoss Hochwasser. Im Diakonissenkrankenhaus, über der Bautzener Straße war Land unter. Die Feuerwehr pumpte das Wasser stundenlang im Kreis, aus den Kellern in die Keller. Im Zwinger stand der Innenhof von Wasser bedeckt – ja, das kam von der durchgebrochenen linkselbischen Weißeritz, nicht aber, wie es in den Medien verbreitet wurde – das Elbehochwasser sei in Semperoper und Zwinger gestiegen – nein da fehlte noch einiges, zwei drei Meter Wasserstandhöhe. Aber egal.

.

Was ich sagen wollte:

.

Als die GRÜNEN gegründet wurden, hatten sie sich längst sozio-kulturell gesettet – und hier kommt mein Protest gegen das neue deutschland v. 20. August 2014, Seite 15, Feuilleton: „Das waren die Grünen (Foto mit Petra Kelly)“ – Ankündigung einer Einsfestival- TV-Sendung von 2013 der Autorin Annette Zinkant.

.

Der neues-deutschland-Artikel ist nicht eindeutig gekennzeichnet. Er wirkt, wie ein zusammengeschustertes Schreibsel auf Begleitmaterial, jedenfalls heißt es dann:

.

…Denn viel weiter als momentan kann sich die Partei inhaltlich kaum von ihrer Mitbegründerin, der Pazifistin Petra Kelly (Foto), entfernen – etwa in der Ukraine-Krise. Die Partei, die aus der Friedensbewegung hervorging, legitimierte den Kosovo-Angriff und überholt mittlerweile rechts die CDU…“.

.

Ich kannte Petra Kelly persönlich – sie war Amerikanerin und hatte gar nicht die starke soziale Einbindung bei der alternativen grünen deutschen Bewegung und den jahrelangen Bürgerinitiativen aus der 68er Studentenbewegung.

.

Wer schreibt nur so einen unbedarften Unfug über die GRÜNEN und über die Entstehung der Grünen? Wie kann das nur sein?

.

IMG_3507

.

Dietmar Moews meint: Ich erkläre schwerpunktmäßig Zweierlei – denn ich war persönlich dabei und konkret involviert.

.

EINS Die Grünen entstanden aus der retardierenden Psychologie-Situation nach dem Tod Jimi Hendrix‘ – nach 1969, wie folgt. Mit der Beatlesmania explodierte eine Nachkriegskonsumgeneration nach dem modernen Geheiß von „Höher, Schneller, Weiter“. Diese Jugendmusik endete ästhetisch und psychologisch quasi mit Flower Power, Vietnamdebakel und – sinnbildlich – mit HENDRIX‘ Tod, ein Jahr nach Woodstocks Stars and Stripes bangled banner.

.

Dieses ist auch der Endpunkt des modernen Fortschrittsglaubens.

.

Dieses ist so gesehen das Ende der Moderne und das Ende des 20sten Jahrhundert.

.

Es kam die Postmoderne – der überall aufblinkende Grundzweifel, dass Höher, Schneller, Weiter, nicht mehr geglaubt wurde. Dass dafür Autofahrverbot und Ölkrise, braune Nadelbäume von Waldsterben, Dioxin im Trinkwasser usw. kurz: Zweifel und Zersetzung des schwarz-weiß / rechts-links Denkens trieben die strahlende deutsche Jugend von Werner Enke („Nicht fummeln Liebling“) weg.

.

Stattdessen  haderten die mit dem Ende des Wachstums und Aufbaus einer Vorkriegssituation – es klärten sich die Zeichen für das Ende der Nachkriegspsychologie in eine Vorkriegspsychologie.

.

Es wuchs die Kohorte der Unschuldigen, die mit dem Generationskonflikt zwischen den „68ern und deren Nazieltern“ nichts zu tun haben wollten.

.

Es entstanden also Nachbarschaftshilfen, Bürgerinitiativen, Selbstverwaltung, neue Kunstvereine wurden gegründet, Kinderläden, Atomgegner, Rüstungswahn – und man muss es klar sehen, es handelte sich auch banal um einen Generationswechsel.

.

Die GRÜNEN waren ein postmodernes Ereignis.

.

Die Grünen waren ein kollektiver Impuls, der Alternativen aus verschiedenen Wertebereichen zusammenführte, manifestierte sich jeweils als Ausdruck lokaler Politikorganisation: Es waren junge Leute, es waren Kirchenleute, es waren orthodoxe Menschen, die den abgebrühten „Tauben im Gas“-Parteien-Stil satt hatten, es waren Kriegsdienstverweigerer, es waren Feministinnen, es waren alle Ordnungskategorien der Nazi-Dreiecksträger, Baldur Springmann der Auswahlzüchter war Sonderling, Thomas Ebermann verlor die kommunistische Lust,  es waren alternative, es war grundsätzlich Kritik am Herrschenden, es waren Kiffer und Hippies, es waren nur wenige Unterwanderer aus anderen Parteien, also kaum Ostermarschierer aus der DDR-getriebenen DKP, es war sicher ausreichend Verfassungsschutz.

.

IMG_3030

.

Kurz: die Behauptung, die Grünen seien aus der Friedensbewegung hervorgegangen ist Unfug.

.

Noch stärker: eine nennenswerte Friedensbewegung hat es Mitte anfang der 1970er Jahre, außerhalb der DKP-Ostermarschierer und dem Gewerkschaftsbund in der ersten Bundesrepublik gar nicht gegeben. Gerade diese Ostermarschierer und DKPler waren aber nicht Gründer der Grünen. Denn es war eben keine bundespolitische Koordination, sondern die GRÜNEN wurden als lokale Gruppierungen und Lokalwahl-Listen aus den lokalen Bürgerinitiativen, auch im Demonstrationsmillieu der Universitäten, gegründet: GAL in Hamburg, Gabl in Hannover, AL in Berlin wieder anders die Grüne Alternative Liste usw.

.

IMG_2666

.

Erst im Jahr 1978 wurde das überfällige politische alternative Millieu auf dem Gründungs-Bundeskongress in Karlsruhe quasi losgelassen: Die GRÜNEN als Alternative zu den etablierten Parteien. Und als alternativ waren geradezu rechte orthodoxe Naturphilosophen genauso dabei wie kropotkineske Trotzkysten oder eben die US-Amerikanerin Petra Kelly, die hervorragende Medienkompetenz verkörperte (und – wie immer – der Marina-Weißband-Fotografen-Kick)

.

Deutsche Friedensbewegung oder Friedenspartei waren die Grünen nie – sie waren in der Nachrüstungsdebatte allerdings die außerparlamentarische Kraft beim Raketenzählen:

.

Ich war dabei: Künstler für den Frieden,

.

Sportler für den Frieden – (ich war auch Mitglied der GRÜNEN),

.

aber die Friedensbewegung waren nicht „Die GRÜNEN“. Sie waren dann schon der innerparlamentarische Organisations- und Sammelverein für Apo und alternative basidemokratische Anliegen – so recht das, was Willy Brandt mal mit seiner leeren Versprechung „mehr Demokratie wagen“ ausgesprochen hatte, versuchten die GRÜNEN der ersten Bundesrepublik – und daraufhin wurden die GRÜNEN mit allen Mitteln medial zersetzt bzw. offizial kriminalisiert (das wird mit den Piraten auch gespielt: Zersetzung – besonders von Innen).

.

Die Behauptung im neuen deutschland, die GRÜNEN seien aus der Friedensbewegung hervorgegangen ist völliger Mist.

.

P. S. Ebensolcher Mist ist übrigens, was die Doofpiraten Lauer, Höfinghoff und Delius in Berlin erzählen: Die Piraten wiederholen die Gründungsprobleme der GRÜNEN?

.

Nein – genau völlig falsch verstanden: Die Grünen hatten sich längst an den lokalen Orten gefunden und über Umweltschäden und untransparente Gutsherrenpolitik formiert, für Umweltschutz und Angst vor den geschlossenen Technologien.

.

388_rs_sonnenblume

.

Während das Problem der Piraten war und ist, zunächst aus einer gemeinsamen file-sharing Betroffenheit – aber im virtuellen Internetz, keine sinnliche lokale Sozialbindung zustande zu bringen. Das wurde durch die E-Mail, Chat-Foren, Kommunikations- und Abstimmungs-Tools (das nie sozial funktionierende LIQUID FEEDBACK) der Piratenpartei noch zusätzlich erschwert.

.

ATOMKRAFT – Nein Danke! und die von mir gemalte Sonnenblume waren die Gründungssymbole, nicht Picassos Friedenstaube – die Taube kam viel später, erst im Jahr 1983 –

.

auch an der Gestaltung der Embleme der Friedenbewegung war ich als Maler beteiligt.

.

IMG_7196

.

Alle Piraten wissen inzwischen, dass ihre sozialen Formen von gemeinsamem Wahlkampf und Treffen herrühren. Dass Tragfähigkeit innerparteilicher Emergate überhaupt nicht mit Twitter und Facebook ergoogelt werden können. Liquid Feedback ist deshalb immer eine sozio-kulturelle Unmöglichkeit und keine Codierer-Problematik der Piratenpartei.

.

597_11_02_fahne_beatles_platte_kohl

.

ZWEI Als wissenschaftlicher Berater der Grünen Fraktion im Deutschen Bundestag (im Wasserwerk, Fraktionsführer Joschka Fischer) habe ich im Jahr 1994 das erste „Militärpolitische Konzept“ für die Grünen verfasst, die bis dahin insofern ohne Militär- oder Verteidigungspolitik gar nicht regierungs- bzw. koalitionsfähig waren. Denn die erste Bundesrepublik unterlag ja Alliiertenzwängen zur Militär- und Nato-Mitwirkung. Insofern trifft die Behauptung eines Gründungsmythos‘ a la Friedensbewegung, Pazifismus usw. nicht Kern der Alternativ-Ideologie und der Ökologie-Konzeption.

.

45_h200

.

Wenngleich die weichen Lösungen oder eine Kompromisslosigkeit in ökologischen Fragen und die kapitalistischen Strukturen der Intransparenz, in den GRÜNEN einen innerparteilichen personellen Ausleseprozess kennzeichnen, bei dem noch zuletzt bei den ersten Regierungsbeteiligungen enttäuschtes Gründungspersonal die Grünen verließ.

.

28_h200

.

Die Balkankriegsbeteiligung und andere Zeichen wären rückblickend bei der Gabl in Hannover oder bei der GAL in Hamburg, im Jahr 1976 undenkbar gewesen. Ob Thomas Ebermann oder Baldur Springmann, Herbert Gruhl oder Robert Junck oder der Trittbrettfahrer Josef Beuys, sie alle waren keine Pazifisten. Dietmar Moews war und ist ebenfalls kein Pazifist.

.

02_h200

.

Aber eine Friedens-Nischenpartei, die dann zur Vollprogramm-Kriegspartei wurde, waren die GRÜNEN nicht und sind sie heute, aber als Bündnis 90/ GRÜNE noch nicht. Die Unfugsdarstellung im neuen deutschland soll vermutlich den LINKSPARTEI-Kunden gefallen (weil die Linkspartei auch nicht pazifistisch daherkommt).

.

388_rs_sonnenblume

.

und BESTELLEN

subscription to Dietmar Moews Abonnement von Dietmar Moews un abonnement à Dietmar Moews

Blätter für Kunst und Kultur erscheinen in loser Folge im Verlag Pandora-Kunst-Projekt Köln

Blätter Neue Sinnlichkeit

.

L1010325

Indem ich Ihnen ein langes Leben wünsche, sparen Sie auf diese Weise ganz erheblich.

Abonnement auf Lebenszeit für EURO 500,- (oder entsprechender Landeswährung)

Einzelpreis oder Abonnement inkl. Versand EURO 10.-, Schüler bei Selbstabholung EURO 2.-

Abonnieren Sie mit Namen, Postanschrift, Ort, Datum, Unterschrift sowie EURO 500 zur Verrechnung bei:

PANDORA KUNST PROJEKT

zu Händen Dr. Dietmar Moews

Mainzer Straße 28

D-50678 Köln am Rhein


Uli Hoeneß – Kampfmoral und Unmoral eines Steuerkriminellen 16

März 24, 2014

Lichtgeschwindigkeit 4242

am 24. März 2014

.

Der Kriminalfall des Prominenten Uli Hoeneß kann nach den bis hierher getroffenen Feststellungen und Erwägungen nicht als Sittenverfall oder Verpitbullung eingeschätzt werden.

.

Wir sind eventuell davon berührt, wenn Jemand durch Sonderlichkeit aus seiner bekannten Rolle fällt. Doch auch wenn gerne und leichthin von „Werteverfall“ geredet wird: „Früher war es besser“ – lassen sich solche Auswirkungen nicht nur nicht nachweisen. Sondern bei näherer Betrachtung können selbst allgemeinere Mutmaßungen nicht bestätigt werden.

.

Bild

.

Aus Sicht einer empirisch-sozialwissenschaftlichen Analyse beurteilt, ist der Fall Hoeneß kein Beispiel qualitativer Verschlechterung der gelebten Menschlichkeit im Großen. Und in der Besonderheit dieses und ähnlicher allgemeiner Erregungsfälle wie Uli Hoeneß, repräsentiert das Beispiel lediglich einen Farbwechsel im Fremdbild von dieser Ausnahmepersonalie, aus einer hellleuchtenden Ausnahmeerscheinung wird ein alltägliches Bric a Brac.

.

Unter uns leben genügend millionenschwere Steuerhinterzieher und Kriminelle, die in Uli Hoeneß einen einschlägigen „Sportskollegen“ sehen. Es gibt Spielsüchtige, die bei der Wettspielsucht Haus und Hof verloren und in dem Prominenten Hoeneß einen Glückspielsüchtigen sehen, dem einfach Präventionsmassnahmen und Hilfe gefehlt haben: Uli Hoeneß als Vorreiter in der Gesundheits- und Drogenpolitik. Es gibt inzwischen Forschungsresultate über elektronische Lotterien und Online-Geldspiele mit weltweiter Reichweite. Einer, der ununterbrochen daddelte, wie Hoeneß, sieht sich nicht unbedingt als Echtzeit-Fernfuchteler im Wettlauf mit elektronischen Rechnern, sondern hat sich in gewohnheitsmäßiges Knöpfe drücken verfangen (wir erinnern uns an Loriots „original Familienbenutzer“). Wer hätte keine schlechten Angewohnheiten, die ihm schwer fallen, sein zu lassen oder zu bessern?

.

Hoeneß ist auch als Einzelfall bzw. als Sonderfall kein ungewöhnlicher. Herausragt das intensive allseitige Publikumsinteresse und entsprechend, in Symmetrie dazu, das riesige massenmediale Angebot, die öffentlichen Kommunikationsangebote und die große Zahl im Chor der berufenen Einsprecher.

.

Hoeneß etwas schiefes Selbstverständnis, sich der Öffentlichkeit zu keiner Vorbildrolle als Tugendbold verpflichtet sein zu wollen, ist in geringgebildeten vulgärmaterialistischen Sozialszenerien eher normal. Verantwortung als Peer wird nicht angenommen. Eher nehmen sich solche Prominente in der Alltäglichkeit der machtorientierten Hackordnungen individuelle Selbsterleichterungen heraus und verfolgen eigentlich schamlos beliebig ihr individuelles Vorteilsstreben.

.

Wer es kennt, wird an Goethes „Reinecke Fuchs“ erinnert, ohne dabei allzu sehr biologistische Vergleiche anzustellen. Schließlich fehlt die Bezugslage, was man als moralische Normalität zum Maßstab anlegen könnte, um überhaupt eine qualitative Entwicklungstendenz von Moral und Sitten im Allgemeinen feststellen zu können.

.

.

Ein unabhängiges Gericht hätte es nicht schwer, wenn es einem Angeklagten einfiele, den Steuerkriminellen Uli Hoeneß als sein Vorbild oder Anregung anzugeben, um dadurch entschuldigt zu werden. Denn als Beispiel mit erheblichem Alleinstellungsprofil ist Hoeneß unnachahmbar. Das Gericht müsste einem solchen Verteidigungsargument nicht folgen.

.

Eher ist auf eine sozialgeschichtliche Beobachtung aus dem neunzehnten Jahrhundert hinzuweisen. Die Entwicklung des deutschen Bürgertums, als verschiedene Bürgertümer, lässt das Bildungsbürgertum und die Wertschätzung von Bildung in der Gesellschaft schwinden.

.

Sofern man neben Ausbildung und Einbildung eine Bildung ansprechen will, die eine Vorstellung von Bildung als sittliches und moralisches Urteils- und Selbststeuerungsvermögen, die entsprechend gepflegte sozio-kulturelle Verhaltensformen im Auge hat, sind Abstammung und Zugehörigkeit keine verlässlichen Merkmale mehr für Bildung. Denn es geht nun mehr um aktionsrelevantes operatives Wissen und Können.

.

Weder Angehörige des Adels, des Beamtentums, der Kirchen, der Wissenschaft, der Künstlerschaft, des Militärs, des Handels, der Konzerne und Banken oder des Mittelstandes der Juristen, Ärzte, Architekten und sonstigen freien Berufe, noch das Wissen der Massen- und Volksausbildung, stellen Bildung als Herzensbildung und gemeinwesendienliches Verhalten sicher.

.

Selbst Eliten mit Weltgeltung im Können oder Wissen sind nicht mithin gebildet. Gebildet ist nur, wer sich Bildung erwirbt.

.

Dabei ist noch zu erwägen, wie lächerlich Tugend ohne Macht ist, wenn man Gleichheit und Gleichberechtigung fordert und das bekannte „Quod licet Jovi, non licet Bovi“ nicht gelten lassen möchte, während nach wie vor Sinnsprüche wie „Kapital verpflichtet“ oder „Adel verpflichtet“ untergründig herumgeistern, während vom Wissen und Können Macht ausstrahlt: Wer Etwas Gefragtes kann oder Etwas Rares weiß, ist mächtig.

.

Soziale Rangzuweisungen im informellen privaten Spiel unterscheiden sich allerdings erheblich von Beziehungen in den Bereichen des konkret und allgemein geregelten Verhaltens nach dem Bürgerlichen Gesetzbuch.

.

In allen normativ regulierten Lebenssphären der Dienstklassen, dem Verwaltungshandeln, der geregelten Mitgliedschaften und Rollen-Selbstverpflichtungen herrscht organisierte Kontrolle und Steuerung. Da nämlich werden zurechenbare Fehler oder Regelverstöße geregelt sanktioniert. Das reicht bishin zum Ausschluss bzw. zum Verlust und Entzug von Exklusivnutzen für das Mitglied, die solche Verbände bieten.

.

Sein DFB-Fußballverein FC Bayern München hat, nachdem nun Hoeneß der obligatorische rechtsstaatliche Steuerstrafrechtsprozess durchgeführt worden und rechtskräftig ist, seine Mitgliedschaft im Verein formal nicht berührt. Sogar seine Rolle als Repräsentant, als Präsident des Vereins, wurde ihm belassen. Auch seine Rolle als leitender Manager der Aktiengesellschaft, als Vorstandsvorsitzender, wurde ihm nicht entzogen.

.

Nun, angesichts seines baldigen Einrückens in das Gefängnis von Landsberg, ist Hoeneß von sich aus von seinen Vereinsämtern zurückgetreten, hat sein Mandat als Manager niedergelegt und ist nurmehr einfaches Vereinsmitglied.

.

Sein ebenfalls vorbestrafter Kollege Karl-Heinz Rummenigge und andere Vereinsprominente und Funktionsträger haben ihre unverbrüchliche Solidarität zu Hoeneß beschworen.

.

Hoeneß‘ geschäftliche Teilhabe an der von ihm gegründeten, seinen Namen tragenden Nürnberger Wurstfabrik „Howe“ bleibt bestehen. Zumal „Schwarzgeschäfte von Metzgern“ im Metier nicht ungewöhnlich sind.

.

Ferner lassen sich mit dem Fall Hoeneß Entwicklungen nachweisen, die allerdings hauptsächlich in einer fortlaufenden Drehbewegung einer leerdrehenden Spirale der kampagnenartigen Bedeutungserhöhung in und durch die Massenmedien besteht. Die nur begrenzte Reizinnovation bringt. Diese quantitative Ausreizung gegenüber Moralität und Kampfmoral ist eigentlich beinahe austauschbar. Sie ist qualitativ als alltäglich und so gesehen gegenüber dem angängigen Moralverhalten in der Gesellschaft als neutral zu erkennen. Es ist einfach mal wieder „Stimmung in der Bude“.

.

Die Welt wird durch den skandalösen Steuerkriminellen Uli Hoeneß inmitten seiner sozialen Szenerie von teils halbseidenem Personal, Steuerflüchtlingen, Vorbestraften und für billige öffentliche Effekte stehende Altprominente, weder mit dem Wahnsinn geimpft noch in die Verzweiflung getrieben.

.

Hoeneß hatte im sozialen Feld von Unterhaltung, Sport, Freizeit, Geldspekulations-Schwarzgeschäft und Kommunikationswirtschaft die ihm zugewachsene Rolle des Spezial-Peers erworben. Sein Rang ist keine Selbstsignierung sondern eine gesellschaftliche Zuweisung bzw. im Fremdbild aus der jeweiligen Spezialsozialität dem Hoeneß verliehen worden, also die Steuerbetrüger, die Suchtzocker, die Prominenten, die Altsportler, die Metzgerfamilien usw. haben an Hoeneß Schieflage entscheidenden Anteil.

.

Die sichtbar gewordene Straffälligkeit, die dabei angewendeten Mittel und die darin zum Ausdruck kommende Kampfmoral und Unmoral ist so gesehen, genauer betrachtet, geradezu als normal einzuschätzen.

.

So wenig Bildung, Tugendhaftigkeit oder soziale Verantwortung aus bürgerlichem Reichtum, aus wissenschaftlicher Eminenz, aus herausragendem Spezialgenie oder aus Abstammung automatisch folgt, so sehr sind Regelbrecher und das Vorenthalten gewohnter Leistungen oder gelegentliche Leistungsausfälle auch unter Spezial-Peers alltäglich. Was die Ingroup akzeptiert und belohnt, ist für das weitere Publikum hinzunehmen, wenn unerwünschte Allzumenschlichkeit metaphysische Wohlbefindlichkeitskosten erzeugt. Natürlich darf gejammert und geflamed werden.

.

.

Dass mit dem Fall Hoeneß die quantitativ zählbaren Fälle misslingender Kriminalität und Versagen gegenüber einer Prominentenpflicht für vorbildliches öffentliches Verhalten als eine feststellbare prozessurale Verschlechterung, ein tendenzieller Wandel im Sinne sozialer Verhärtung wäre, kann nicht festgestellt werden – es trifft nicht zu.

.

Dietmar Moews erklärt:

Mehr als die rechtsstaatliche Bestrafung des Kriminellen Hoeneß sollte nicht erwartet werden. Eine Verpitbullung ist weder konkret noch als weitere atmosphärische Störung vom Fall Hoeneß ausgegangen. Kassandrarufe, Untergangssorgen und Angst vor Werteverlust erscheinen vor dem Hintergrund dieser Geschichte nicht so sehr angebracht wie die nüchterne Erörterung der Sitten und Gebräuche, der Wünsche und Wünschbarkeiten und der eigenen konkreten Seinsgebundenheit anstatt von metaphysischen Schwimmübungen.

.

Weniger die Ausstrahlungen poetischer Virtuosstücke noch die Erlebnisse von Meisterwerken haben im Guten wie im Bösen so verläßliche Veränderungskräfte für einen Menschen, wie die Selbststeuerungswirkung einer Schnulze oder der Geruch auf dem Abort.

.

Weder das alttestamentarische Babel noch der Tanz des auserwählten Volkes um das goldene Kalb muss uns im Fall Hoeneß alarmieren. Im Gegenteil – ein Fachjurist zur „Steuerehrlichkeit“ teilte der TV-Öffentlichkeit kürzlich in einer Unterhaltungsdiskussion mit: „BMW! – Bäcker, Metzger, Wirte! Alle haben Schwarzgeld und machen Schwarzgeschäfte. ALLE!“ Der Steuerkriminelle Uli Hoeneß ist Metzgerssohn, stammt aus einer Metzgerfamilie in Ulm und gründete und führte selbst die HOWE-Wurstfabrik in Nürnberg. Wer wollte überrascht sein? Nimmt man Hoeneß persönliche öffentliche Stellungnahmen zum Steuernzahlen, die er über viele Jahre durchgängig geäußert hatte.

.

.

Der Fall hat einige kommunikative Besonderheiten, die lediglich als Varianten oder als Stilverschiebung gelten können. Aber weder seitens des Straftäters Hoeneß selbst, noch seitens der ästhetischen Resonanz, noch seitens konkreter Auswirkungen auf moralische Stimmung oder Lebenszufriedenheit, sind „Moralverluste“ bewirkt worden.

.

Wer den Fall aufmerksam beobachtet hat, z. B. Uli Hoeneß selbst, könnte daraus gelernt haben, in der heutigen sozialen Situation, weltweit, in Deutschland, in Bayern, in München, in anderen Städten oder in provinzielleren Lebenszusammenhängen, seine Geldspekulationen und Steuervermeidungsabsichten geschickter auszulegen und ohne diesen skandalösen Absturz zu erleiden. Alle Metzger, die nicht erwischt werden, machen das erfolgreicher als der Howe-Würstchenmacher Uli Hoeneß aus Ulm, vom Tegernsee, in Landsberg.

.

Bild

 

Fortsetzung folgt