Hartmut Geerken 1939 – 2021 Kurznachruf


Lichtgeschwindigkeit 10325

am Montag, 25. Oktober 2021

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Hartmut Geerken 1939 – 2021 Kurznachruf - featured image

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Hartmut Geerken, geboren am 15. Januar 1939 in Stuttgart, ist jetzt 82-jährig, am 21. Oktober 2021 in Wartaweil am Ammersee gestorben. Geerken war ein Künstlergelehrter mit bedeutenden Leistungen als deutscher Musiker, Komponist, Schriftsteller, Publizist, Hörspielautor und Filmemacher.

Hartmut Geerken lebte nach weltweiten Aktivitäten in aller Welt, seit 1983 in Wartaweil bei Herrsching am Ammersee, war seit 1972 mit der deutschen Schriftstellerin und Herausgeberin Sigrid Hauff (*1941 – 2018) verheiratet; sie hatten damals Sohn und Tochter. Dort ist Hartmut Geerken jetzt, so weit es hier bislang ohne nähere private Angaben bekannt wurde, zuhause gestorben.

In einem respektvollem (von mir hier redigierten) Nachruf, würdigte die Frankfurter Allgemeine Zeitung das Leben des Hartmut Geerken, durch einen Nachruf mit Bild, den Michael Lentz (geb. 1964) verfasst hat.

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Hartmut Geerken spricht zu „Goethe in Kabul“, 2016 in Wien

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FAZ, am 25. Oktober 2021:

„Spinat für Albert Einstein – Zum Tod des Dichters, Musikers und Filmemachers Hartmut Geerken / von Michael Lentz

Es gibt wohl kaum einen Künstler, der auf so verschiedenen Gebieten tätig war, wie dieser weltgereiste Dichter, Musiker, Archivar, Ausstellungsmacher und Discjockey, Filmemacher, Mykologe, Plakat- und Kulissenmaler, Schiitake (Heilpilz)- und Hummelzüchter, Schauspieler und Tonmeister./ Als Autor von Gedichten, Prosa, Hörspielen und Essays schrieb Hartmut Geerken die kompromissloseste, in weiten Bögen denkende und sich artikulierende Literatur und gehört mit „bunker“, „kalkfeld“ und der Exil-Trilogie „Maßnahmen des Verschwindens“ zu den bedeutendsten Hörspielmachern weltweit. Die von ihm und Detlef Thiel herausgegebene „Edition Salomo Friedländer/Mynona“ umfasst 33 Bände. Hinzu kommen fünf Bände mit Studien über Friedländer. Das ist eine Herkulesarbeit. Als Mitherausgeber der wichtigen Reihe „Frühe Texte der Moderne“ sichtete und bewahrte er das literarische Erbe der klassischen Avantgarden. Darunter das bis dahin nur residual anfang der 1920er Jahren in der expressionistischen Zeitschrift „Der Sturm“ von Herwarth Walden veröffentlichte Gedicht ZUGINSFELD – zur Ächtung des Krieges, von Otto Nebel (1918 in englischer Kriegsgefangenschaft in Colsterdale geschrieben), das dann im Jahr 1979 erstmalig als „dichterisches Werk“ (hrsg. von Rene Radrizzani) in drei Bänden als „Frühe Texte der Moderne“, von Hartmut Geerken, gemeinsam mit Jörg Drews und Klaus Ramm erneut bekannt worden ist. /Interessiert an internationalen Mythen und Ritualen ebenso wie an der Zeitgeschichte, wie sie etwa in „phos“ (2005), autobiographLachen Ausdruck findet, war Geerken Mythenschöpfer in eigener Sache. In seinen Büchern, auch in Gesprächen, schrieb und sprach er sich her von Urgroßonkeln, Großvätern und Tanten, die ihren Beitrag zur Weltgeschichte zu leissten wussten: so habe sein Urgroßonkel Carl Schenk gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts die moderne japanische Mineralogie begründet und sei später „massgeblich an der Konstruktion der „golden gate bridge“ beteiligt gewesen, seine Tante Helene Lorch habe um 1910 „große mengen von spinat für den jungen physiker albert einstein“ konserviert, der „mit hilfe dieser sog. gehirnnahrung die relativitätstheorie entwickelte“. Johann Mannhardt, ein „vorfahr mütterlicherseits“; „war der erfinder des minutenzeigers der turmuhr und einer guillotine.“/ Weilte er nicht für Jahre in fernen Ländern oder auf der griechischen Insel Gavdos oder war unterwegs zu einem Konzert mit seinen zahlreichen Musikerfreunden wie Famoudou Don Moyé oder dem Cairo Free Jazz Ensemble, gab es keinen Tag, an dem Geerken nicht in seinen Archiven arbeitete, seinem die Nachlässe verwaltenden Salomo Friedländer-, Anselm Ruest- und (weltweit umfangreichsten) Sub Ra-Archiv, oder seinem unerschöpflichen Musikarchiv mit Aufnahmen jener Konzerte seit den Siebzigern, die er in den letzten zwanzig Jahren bei zahlreichen internationalen Labels veröffentlichte, der besseren Qualität wegen überwiegend als Langspielplatte. Ein Archiv, aus dem er kontinuierlich seine Bücher destillierte, war er sich auch selbst. Dieses Archiv bestand aus Gedächtnisarbeit und den vielen Notizbüchern, die er stets bei sich hatte. Seine Bücher sind das radikalste Zeugnis einer Literatur gewordenen unausgesetzten Selbstwahrnehmung, die im Eigenen immer das Andere und den Anderen erkennt. Träume spielten für seine Bücher eine ebenso große Rolle wie die Mitschrift der Umgebung und der Situation, in der ein neues Buch entstand. In einem Gespräch mit mir sagte er einmal: „Wenn ich über ein Thema schreibe und es fliegt ein Pfeil von Wildgänsen über mich hinweg, dann kommen die halt im Text auch vor.“/ Autobiographische Momentaufnahmen, Alltägliches wie Hochkulturelles, zur Hommage gewandelte Fremdbiographien oder (Jazz-)Musik in ihren ekstatischen Formen transformierte er mit dem Blick des Ethnologen und Orientwissenschaftlers in wundersame Texte. Die Jahre in Kairo (1966 bis 1972), Kabul (1972 bis 1979) und Athen (1979 bis 1983), wo Geerken als Dozent und Goethe-Instituts-Leiter tätig war, seine Reisen nach Pakistan, Indien, Ostasien, Afrika und Australien, nach Algerien und in die Türkei führten zu künstlerischen Kooperationen und veränderten seine Ästhetik./ In einem einzigen pulsierenden Satz vermochte Geerken Erdteile und Jahrhunderte zu verbinden, der Leser geht auf assoziativen Freiflug und staunt über die neue Ordnung von Zeit und Raum, die seine fessellose Literatur hervorbringt. Bücher wie „Obduktionsprotokoll“ (1975), „mappa“ (1988) – zusammen mit dem Opus magnum „kant“ (1998) (alle bei Klaus Ramm in Spenge) und „phos“ (2005) sein wichtigstes – oder „moos“ (2010) sind Gedankenlesemaschinen, Bewusstseinsaggregate, Wahrnehmungssammelsurien, Gedächtnis- und Lektüreprotokolle, Hybride aus Prosa und Lyrik, Texte und Metatexte. In ihnen obwaltet ein enzyklopädisch zu nennendes Wissen und eine strenge Ordnung: die der Assoziation, der Analogie, des Gedankensprungs, des großen Anakoluths! Das Geerken-Kompendium „forschungen etc.“ (Waitawhile, 2006) mit Texten aus dreißig Jahren gibt den besten Überblick über das Denken und Schreiben des 1939 in Stuttgart geborenen Künstlers, der seit 1983 in Wartaweil bei Herrsching am Ammersee lebte. Wie jetzt bekannt wurde, ist er dort am Donnerstag gestorben.“

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Dietmar Moews meint: Andenkend unserer Freundschaft als Künstlergelehrte seit 1987, möchte ich dem begeisterten Lebensfreund Hartmut Geerken noch meinen Dank nachrufen: Nachdem ich in den 1970er Jahren das Wort OTTO NEBEL kennenlernte, kam erst 1979 die hervorragende Ausgabe in drei Bänden für die Edition Text+Kritik, die der Schweizer René Radrizzani in Puly bei Lausanne am Genfer See herausgegeben hatte, der Otto Nebel persönlich kannte, und auf diese Weise mit meinem Künstlergelehrten Hartmut Geerken verbunden war. Kurz, Hartmut Geerken schenkte mir – der ich seit Jahren bereits an OTTO NEBELS ZUGINSFELD malte, im Jahr 1987 Tonbandkassetten mit Originalaufnahmen der noch in den späteren Jahren von dem Künstlergelehrten, Dichter, Schauspieler, Baugewerke-Techniker und Maler Otto Nebel eingesprochenen Volltext-Lesung des ZUGINSFELD (189 Seiten langes Gedicht „Zur Ächtung des Krieges und der (Öl auf Leinwand, 155cm/287cm, 1976) Gesellschaft die den Krieg hervorbringt“) sowie weitere von Nebel eingesprochene frühmoderne Gedichtwerke (z. B. auch Schwitters Ursonate). Seit jener Zeit waren wir freundschaftlich verbunden, während er am schönen Ammersee lebte, wo ich mehrmals war, trieben mich die Umstände in die Großstädte, München, Magdeburg, Leipzig, Hamburg, Dresden, Hannover, Berlin, Köln, immer froh auf die Neue Sinnlichkeit der Künstlergelehrten achtend, die leider sterben, wenn sie alt sind. (In meinem ersten Bilder-Katalog habe ich eine Malerei abgebildet mit dem Titel: „warteinweil, wo die frommen soldaten sitzen und sich lustig machen“). Wie stefan george und teils beim bauhaus schrieb hartmut geerken seine texte gerne gemäßigt klein.

Werke und Titel sind umfangreich im WIKIPEDIA-ARTIKEL >Hartmut Geerken< verzeichnet.

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