Karl Kraus vor 100 Jahren „Die Fackel“ Nr, 521. Januar 1920, fünf

Lichtgeschwindigkeit 10005

am Sonnabend, 29. Februar 2020

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Karl Kraus (1874-1936) war ein Wiener Schriftsteller, der von 1899 bis zu seinem Lebensende 1936 seine eigene, unkommerzielle Zeitung schrieb, herausgab und vertrieb, DIE FACKEL, zunächst jede Woche eine Ausgabe, bald zweiwöchentlich als Doppelausgaben, ununterbrochen handliche Hefte.

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Karl Kraus schrieb in DIE FACKEL, vor einhundert Jahren (Nr. 521-530, Januar 1920, S. 37; hier zitiert laut >zweitausendeins-Reprint< nach Kösel-Verlag München ab 1968).

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„Die Ehrenbeleidigungsklage Hans Müller gegen Karl Kraus

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und abschließend:

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„Landgericht für Strafsachen Wien Pr. II 29 17

Beschluß.

Die Ratskammer am Landgerichte für Strafsachen in Wien hat nach Anhörung der Staatsanwaltschaft in der heutigen nicht öffentlichen Sitzung beschlossen:

Das von Herrn Dr. Hans Müller gegen Herrn Karl Kraus wegen Vergehens der Ehrenbeleidigung eingeleitete Strafverfahren wird wegen eingetretener Verjährung eingestellt (§ 40 Preßgesetz).

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Die Kosten des Strafverfahrens hat gemäß § 390 STPO. der Privatankläger zu tragen.

Wien, am 16. November 1918

Unterschrift unleserlich“

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– anschließend eine zugreifende THEATER-KRITIK des KARL KRAUS zu einer Aufführung am Münchener Hoftheater des „KÖNIGE“ von HANS MÜLLER (dem Verkläger von Kraus im obigen Gerichtsstreit):

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„Hoftheater. (Könige von Hans Müller.) Der Platz eines deutschen poeta laureatus war verwaist. Früher hatte ihn der Erzeuger von Charleys Tante inne. Das ist vorbei, schon weil er ein Engländer ist (Wien spielt aber gegenwärtig gleichwohl Charleys Tante, um sich von Hans Müller zu erholen!) Dann kam der Major v. Lauff. Um den ward’s still. Endlich nach beklemmender Pause haben wir wieder einen: den Wiener aus Brünn, Hans Müller, auf der Münchener Hofbühne schon mehrfach rückfällig, jetzt aber mit seinen Jamben-Königen der Erwählte. Cotta, der sich einst dazu hergab, Goethe zu verlegen, beherbergt jetzt Hans Müllers Könige. Dem Buch gibt Cotta einen Kritiken-Zettel mit, auf dem zu lesen, was z. B. das Leipziger Organ des deutschen Kronprinzen geschrieben hat: „Die bei weitem reifste dramatische Frucht, die uns der Krieg bisher bescherte.“ Eine literarische Zeitschrift wird gar mit dem unheilsdräuenden Satz angeführt: „Man wird dieses Drama spielen, wo es nur deutsches Theater gibt“ (Letzteres war aber ironisch gemeint und einer verhöhnenden Kritik mißverstehend entnommen.)

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Hans Müller hat, in Feldgrau gekleidet, von Wien aus ergiebigen Frontstimmungen gefrönt. In der Oede dieses Stellungskrieges hinter der Front las er Uhlands hundertjährigen Ludwig der Bayer. Uhland legte mit jenem von der Münchener Hofbühne einst abgelehnte Schauspiel ein frühes großdeutsches Bekenntnis ab. Hans Müller, dessen Drama beim Münchener Hoftheater mehr Glück hatte als Uhland, verarbeitete das Drama zum bundesbrüderlichen Kriegsstück. Es geht folglich höchst monarchistisch her:

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„Wenn einer nur

Von Deutschlands Majestät den Atem sog,

Berührt nur hat des Reiches Diadem,

Ist er doch mehr als anderwärts ein Fürst.

Der Zoller, der Burggraf von Nürnberg bekennt:

Seit jeher war

Es Zollern-Recht, den Schwachen beizustehen.“

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Vom deutschen Volk wird gesagt:

„Weil jeder jedem traut, weil sie ihrem

Hellblauen Aug den Himmel selber spiegeln,

Traun sie sich offen auch dem Ganzen an.“

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In diesem Zusammenhang wird auch die ethnologisch-anatomische Beobachtung angebracht, daß der Arm der Deutschen, mit dem sie einerseits Berge sprengen, der andererseits manchmal auch grimmig weh tut, zum Herzen doch zurückläuft als zu der Wurzel. Da dieser Arm läuft, und zwar zurück zu seiner Wurzel, handelt es sich also wohl, sofern der deutsche Mensch, und wäre es selbst Hans Müller, kein Vierhänder ist, um eine Art Fußarm. Auch die erotische Sprache hebt ihre Schwingen: Friedrich von Österreich sagt zu seinem blinden Weibe:

„An deinem weißen Halse

Versinkt die Welt – und mit ihr auch die Schuld.“

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Es muß ein außergewöhnlich gut entwickelter Blähhals gewesen sein.

Was die Poesie sonst anlangt, so zwitschern den ersten Akt hindurch die Vögel in den Käfigen. Im zweiten Akt blüht ein Apfel- und ragt ein Nußbaum, auch küßt der aus der Gefangenschaft Heimgekehrte naturgemäß den Boden. Im dritten Akt rechnet Ludwigs Tochter Mechthild das Haushaltsbuch zusammen und findet, daß alles so schrecklich teuer geworden. Aber Mechthild spart tapfer an Wein und Äpfeln. Auch das ist, belehrt sie König Ludwig, vaterländischer Hilfsdienst:

„Denn was du ersparst,

Ersparst du meinen Bürgern in die Tasche.

Ein König ist nur ein Verwalter. Fällt

Ein Bissen Brot zu viel von seinem Tisch,

Um den ward irgendwo ein Mund betrogen.“

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Nur an Kindern darf nicht gespart werden. Eine Witfrau, deren Mann gefallen ist, schreibt, daß sie 14 eheliche Kinder hätte. Worauf Luwig bemerkt – „ehrfürchtig“, gibt die Regiebemerkung an

„Vierzehn!! Wie wollen die uns ans Blut, solang

Der Storch, das deutsche Tier . …“

So jauchzt Hans Müllers deutscher Humor. Und seine deutsche Moral verkündet, daß die höchste Pflicht sei, Wort und Vertrag in Treue zu halten, und durch keine Not und kein Machtgebot sich davon abbringen zu lassen.

Es ist peinlich, wenn gefühlsstarke Schauspieler, wie der jungen Herr Janssen, solche Theaterpuppen mit Empfindungen ausstatten, als wenn es eine Dichtung gälte und nicht nur den Kriegsersatz Dichterol. Durch diese unangebrachte Hingabe wurde das Stück überdies so gedehnt, daß mir die ersten zwei Akte schon wie drei erschienen, und ich dem angedrohten dritten mich deshalb entziehen durfte; dadurch gewann ich zugleich Zeit, reuig dem Karl Rößler abzubitten, daß ich sein Fürstenspiel von den zwei Seehunden nicht zu schätzen vermochte; ich kannte die „beiden Seehunde“ von 1325 noch nicht.

Die Platzmieter des Hoftheaters wurden durch den Gemeinplatz-Mieter aus Brünn augenscheinlich nicht allzu sehr angereget. Aber sehen wollten sie wenigstens den Dichter. Man klatschte und Hans Müller glitt feldgrau am Vorhang vorüber. K. E.“

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Und welcher Zuschauer hätte gezweifelt, daß die Auffassung, er wollte sich als Kombattanten im Weltkriege gerieren, eine tatsächliche Grundlage nie haben konnte! Aber ob er sich gerieren wollte oder nicht, sie hielten ihn dafür, und in der Erinnerung an Müllers Schwänke aus der Friedenszeit, nun solch heroischem Schauspiel ausgesetzt, mochten sie sich den Kostümwechsel wohl so erklären, daß sie dachten, es stünde nur dem der Harnisch gut, der einst den Schlafrock getragen. Der Kritiker ließ es nicht gelten. Wer war er?

Seit Goethe dürfte es wohl keinen deutschen Dichter gegeben haben, der so häufig wie Müller mit jenen Persönlichkeiten in unmittelbare Berührung gekommen ist, die gleich dem Dem Dichter auf der Menschheit Höhn zu wohnen pflegen. Und da einer, der nur gleich Müller von Deutschlands Majestät den Atem sog, berührt nur hat des Reiches Diadem, bekanntlich mehr ist als anderwärts ein Fürst, so kann man sich vorstellen, wie klein ich mir vorgekommen bin, als er, jeder Zoll ein König, in jenem Zimmer des Landgerichts mir gegenübertrat. In meines Nichts durchbohrenden Gefühle, nur die „Letzten Tage der Menschheit“ und keine aufführbare Tragödie geschrieben zu haben, in dem Bewußtsein, wenn die Könige bau’n, nur niederreißen zu können, saß ich da und dachte, daß ich der Landgraf zu so etwas nicht mehr kommen werde, weil nun bald die Gelegenheit vorbei sei, an eines Reiches Diadem auch nur zu tippen. Welch Hochbeglückter, der in seinem Dichterleben wahrhaftig nicht zu klagen hatte, begehrte da Satisfaktion von mir und bestürmte mich mit der Beteuerung, die meinen vollen Glauben fand, es sei „Das erste Mal, daß er Karl Kraus gegenübersitze, es sei vielleicht das letzte Mal“. Er hätte es seinen Potentaten zurufen sollen. Was wollte er? Wilhelm wohnte der Vorstellung bis zum Schlusse bei und tat noch ein Übriges, Ludwig beschied den Dichter in seine Loge? Er war nur nicht nur der Dichter der Könige, sondern auch der Dichter der Könige, er hatte nicht nur die Könige geschrieben, sondern es war ihm auch vergönnt, sie von einem Parterre von Königen aufgeführt zu sehen, und als die Zeit anbrach, in der die Könige – kein Wunder bei solch dramatischem Gebrauch und solchem dramatischen Geschmack – schon parterre waren, da interessierte sich wieder eine Parteilichkeit für ihn, die bald ausersehen seln sollte, einen deutschen Thron zu stürzen, so daß man sagen kann, ein späteres Staatsoberhaupt habe die Könige verrissen. Ob es nun für einen dramatischen Dichter mehr Ruhm bedeuten mag, von einem Wittelsbacher gelobt oder gar vom Präsidenten der bayrischen Republik getadelt zu werden, jedenfalls ist es ein literaturhistorisches Faktum eigenster Art, daß der Verfasser jener spontanen Kundgebung, die ich oben zitiert habe, niemand anderer als Kurt Eisner war, auf dessen Aussage ich mich, wenns zum Prozeß gekommen wäre, in einem Zeitpunkt hätte berufen können, in dem Müllers Kronzeugen bereits versagt hatten. Haben solche Persönlichkeiten je über mich geschrieben, mit mir gesprochen? Kann einen, der den Platz an der Sonne erreicht hat, nicht das Bewußtsein trösten, daß es purer Neid ist, wenn ich ihn einen Sonnenmoriz heiße? Was wollte er von mir? Von mir, der niemandes Ehre beleidigen kann, dessen Urteil und Publizität, dessen Leben und Treiben sich außerhalb jener Welt vollzieht, in der einer gilt und in der sich Gruppen bilden, um es ihm zu bestätigen. Gar nicht ignorieren, sich abwenden und seines geraden Weges gehen ist die einzig würdige Haltung einem Gebaren gegenüber, dessen geringfügige Wirkung zur Not ausreicht, ruhmlos dreißig Vortragssäle im Jahr zu füllen, so daß kein Wiener Literat darin Platz hat, während die seriöse Wiener Literatur, wenn sie sich zu einem einzigen Durchfall zusammentäte, sich dafür durch die schallende Beachtung der Presse entschädigt wüßte. Wie kann sie sich nur dazu hinreißen lassen, aus der Hauptrolle, durch die sie von meiner stummen Partie absticht, zu fallen und beleidigt zu sein? Sie war bisher vornehm genug, ihre rasende Neugier nach meinen Vorlesungen zu bändigen, und noch nie hat man einen aus dem Gewimmel der täglichen Theater- und Literaturrubriken in meinem Auditorium bemerkt. Wenn sie sich wirklich dazu verleiten lassen, die Fackel zu lesen, so haben sie gewiß für vollsten Ausschluß der Öffentlichkeit gesorgt. Immer wieder ertönt, wenn sie sich privatim äußern, ihre Beschwerde, sie seien wehrlos gegen mich, denn sie hätten bloß die Neue Freie Presse zur Verfügung. Raffen sich ihre geriebeneren Vertreter unter andern Strichen zu einer Entgegnung auf, so regt sich nur die impotente Wut jener schmählicheren Anonymität, die das Objekt nicht beim Namen nennt und der ich eigentlich damit quittieren werde, daß ich dem feigen Lumpen den Namen gebe, den er verdient, nämlich seinen eigenen. Daß aber der meine in ihrem Vokabular nicht vorkommt, mag er auch längst über ihre Köpfe hinweg in den sittlichen und geistigen Besitz einer preßfernen Menschheit eingegangen sein; daß „man“ – diese konventionelle Abkürzung, durch die tausend Schreiber noch keinen Mann ergeben – von mir nicht Notiz nimmt, weil ich sie nicht gebe und weil eher die Welt untergehn wird, bevor ihre Schwarzkünstler von mir eine Freikarte oder ein Rezensionsexemplar kriegen, ist recht so. Denn es führt kein Weg von mir in die Sphäre des Betriebs und des Betrugs und darum ist der Rückweg noch ungangbarer. Wie ist es dann aber möglich, daß hin und wieder doch eine beleidigte Ehre mir zu bestätigen unternimmt, daß ich da bin? Ich muß ja immer wieder darüber staunen, daß jene noch fortleben, die schon als Figuren der „Letzten Tage der Menschheit“ fortleben, daß dort, wo sie leibhaftig waren, nicht vielmehr ein Loch in die Sphäre gebrannt ist. Aber beide zugleich sind wir nicht da. Und darum war Müllers Verzicht auf ein Zusammentreffen im Gerichtssaal, das ja nur dem Mißverständnis, als ob ich ihn gemeint hätte, Nahrung geben konnte, eine gute, wenngleich späte Erkenntnis. Schon die Zimmerprobe hat mich enttäuscht. Ich hatte mir ihn noch königlicher gedacht, weniger Brünner War‘ den Purpur. Öfter mußte Preßburger zur Mäßigung mahnen: „Sie sind ein Nervenmensch!“, wenn er dem Männerstolz, den er gewiß vor Königsthronen bewahrt hatte, zugunsten jener Allbrüderlichkeit zu entsagen drohte, die die Literaten des Kriegsarchivs erst nach Friedensschluß zugelernt haben, die aber Müllers Note schon zu jener Zeit war, als er dem Kaiser gebend, was des Kaisers ist, zwischen dem Zollernaar und dem Doppeladler in oft heikler Situation bemüht war, die Meinungen, Eindrücke, Mahnungen und zumal Stimmungen eines im Hinterlande Befindlichen zur Darstellung zu bringen. Er sprach zum Herzen, appellierte an meine besseren Regungen und beteuerte, seine besten Bekannten – ich glaubte etwas wie „Fanto“ zu hören – hätten nach meiner Satire gezweifelt, ob ihn Wilhelm wirklich in der Hofburg empfangen habe, vielleicht sei er nur im Zug empfangen worden, wenn überhaupt. Ich erklärte mich mit jener Ruhe, die mich in historischen Lagen nicht verläßt, zu jeder nur gewünschten Feststellung bereit, so daß, als der Sturm der Leidenschaft sich noch immer nicht legen wollte, der Richter wie die Anwälte die Vergeudung von Gefühlen an einen aufgeklärten Sachverhalt beklagten. Nein, das war kein Gegner, kein polemischer Partner. Zur Polemik muß der so tauglich sein, den sie trifft, wie der, der sie übt; gewachsen wie dem Schicksal der Kriegsverwendung. Für die Satire aber ist Kleinheit die unerläßliche Voraussetzung, denn das eben macht ihren Wert, den Kleinen zwar zu nennen, aber nicht zu meinen, und sie wächst an dem Mißverhältnis zwischen der Unscheinbarkeit eines Anlasses und der Scheinbarkeit einer Geltung, um nichts anderes zu meinen als eben dies. Als ich Müller sah, sah ich erst, wie wenig ich gegen ihn hatte. Nein, der führte nichts im Schilde, den er führt, und ist sicherlich einer der Gutartigen von jenen, die das Geistesleben vertreten. Er war gewiß von den besten Absichten erfüllt, als er schrieb, daß ihm der Kuß der Gioconda nicht so gut geschmeckt hätte wie jener, den er bei Kriegsausbruch einem deutschen Bruder unter den Linden verabreicht hat. Und ich muß schon sagen, daß die ganze unerbittliche Strenge eines Angeklagten dazu gehört hat, in der Gerichtssitzung solche Vertraulichkeit zu entfernen, in den Momenten der Aufwallung einer tieferen Kameradschaft, da jener als Mensch zum Menschen zu reden begann, der nun nichts anderes wünsche als „Karl Kraus nicht vor die Geschwornen zu bringen“. Ein begreiflicher Wunsch, dessen Erfüllung sich durch die Stellung eines Strafantrags ein wenig verzögert hatte. Aber er ist nun einmal auf der Sonnenseite des Lebens geboren und und schien entschlossen, auch mich herüberzuziehen. Daß er mich polizeilich bis zu den Schatten hatte verfolgen lassen wollen, um mich von dort dem Gericht vorzuführen, davon wollte er nichts mehr wissen. Als so der Kläger auf einer gefühlsmäßigen Austragung der Sache bestand, während ich eine Protokollierung seines Klageverzichts (und zumal meines Zugeständnisses über die Audienz) nicht ungern gesehen hätte, da waren sämtliche Zeugen der Szene einig, daß die Begegnung mit Wilhelm in der Hofburg zwar ehrenvoller, aber die mit dem Panther in Schönbrunn kaum so aufregend gewesen sein mochte. Erstaunt über die Wesensfülle, die in der deutschen Literatur Platz hat, blickte der Richter dieser Prozeßpartei nach, die ihre volle Genugtuung in der Erlaubnis gefunden zu haben schien, sich entfernen zu dürfen. Wenn Müller vor Einbringung der Klage statt seines Advokaten mich gefragt hätte, so hätte ich ihm widerraten. Er hätte bei dieser Gelegenheit erfahren, daß ich nichts gegen ihn habe, ihm aus seinem Talent keinen Vorwurf mache und an meinem Witz keine Schuld gebe. Um seiner bürgerlichen Ehre nahezutreten, müßte ich nicht so weit von der Welt leben, in der sie erworben wird, um seine Honorität muß für mich ausgemacht sein, sonst hätte ich nicht die innere Freiheit, mir ihn vorzustellen, wie er einen Weltkrieg hindurch „Wohlan!“ sagt. Daß solche Schöpfer wie er Ruhm und Heiterkeit mit gleichem Schall ernten, damit müssen sie sich billigerweise dergestalt abfinden, daß sie diese nicht als Einbuße, sondern vielmehr als Entschädigung werten. Geht es nicht über ihre Kraft, eine Tragödie zu schreiben, so geht es doch über meine, keine Satire zu schreiben. Rechtzeitig über den Unterschied zwischen dem Wesen der Satire und eines Ehrenangriffs belehrt, hätte der Hans Müller gewiß unterlassen, mich vor Gericht zu rufen und den Interessenten sämtlicher deutscher Preßbetriebe durch ein Jahr die Hoffnung zu erhalten, daß nun die Stunde der Abrechnung für den, der gekommen sei. Welch eine kostspieliger Abrechnung für den, der gewinnt! Der Hermann Bahr würde, seitdem er über mich im Schwurgerichtssaal einen Sieg erlitten hat, im Austragstüberl der literarischen Achtung leben, auch wenn er sich nicht auf eine Alm verzogen hätte, wo es tatsächlich keine Sünd, auch nicht die, am Sonntag zu lügen, zu geben scheint. Was aber würde eine Verurteilung gegen mich beweisen? Gegen einen, der in der Welt, unter deren Ehrenmaß die Kriegsliteraten gedeihen, nichts zu verlieren hat und in jener, die ihn achtet, nichts verlöre, da sie ihn doch um der inkriminierten Handlung willen achtet. Stelle ich mich dem Prozeß, so geschieht es nicht, weil ich nicht die moralische Berechtigung hätte, eine irdische Kompetenz abzulehnen, vor der sich zu verstecken dem in der sozialen Welt wirkenden und dennoch verantwortungsscheuen Journalismus zum Vorwurf gereicht, sondern deshalb, weil mir, um gegen ihn zu wirken, jedes Forum und noch jenes, das meine Idee am gröbsten verstofflicht, willkommen ist. So unsicher für den Gegner der Ausgang ist, der Verlauf ist mir sicher. Da dieser Ramponierung des Gegners bewirkt, jener aber in keinem Fall die meine, so bliebe nur die Genugtuung, mir zu einem materiellen oder physischen Schaden zu verhelfen. Einer Geldstrafe? Die bringe ich leichter herein, als ein anderer spielend, indem ich einmal öfter zu einem wohltätigen Zweck, nämlich für die Armen der Stadt Wien lese. Arrest? Als ob die Sirk-Ecke, an der man Herrn Müller begegnet, wenn man sich just der Zustellung einer Anzeige entziehen will, ein gesünderer Aufenthalt wäre. Als ob ich gebessert wieder herauskäme. Hätte ich den Sturz der Könige im Kerker erlebt, ich hätte doch nicht umhin können, in der Freiheit den satanischen Humor der Tatsache hervorzuheben, daß die Republik ihr Staatstheater mit einer Dichtung von Hans Müller eröffnet und daß die Gewissenstragödie eines Galilei darnach angetan ist, die Kriegsgewinner in der Hofloge in nichts zu enttäuschen als dadurch, daß sie ihnen die den ganzen Abend erwartete Pointe vorenthält. Mag Feldgrau nicht nur die Farbe millionenfachen Leids, sondern auch die Marke des Tantiemensegens gewesen sein, mögen hingerissene Könige in den letzten Stunden, die sie auf den Höhen einer undankbaren Menschheit zubringen durften, in der Empfindung geschwelgt haben, daß Deutschland wieder einen Dichter habe, weil Österreich noch einen Feuilletonisten hatte – kein Schaden hätte mich abgehalten, für den Spott zu sorgen, der die Urteile der Justiz so gut wie die der Welt revidiert, und hatte mich über die Könige erhoben, so griffe ich an die Sterne, um dreist zu bekennen, daß Galilei kein Sonnenmoriz war! Ja, selbst kein Scheiterhaufen nähme mir die Lust: die Lizenz, die die Plauderer vom Zeitgeist empfangen, in die Garderobe geweihter Erlebnisse zu schliefen und heroische Angelegenheiten für die Emotionen eines Verdienerpacks herzurichten, auf meine Art zu überprüfen. Denn solange die Sonne dieser Gunst strahlt, wird meine Erde, klein genug, sich um dieses Problem drehen, die Satire steht nicht stille, und die es haben wollen, ihnen tönt statt des verlangten Widerrufs, unerwartet und doch vertraut, ernst aber zuversichtlich, auf Gedeih und Verderb, der Ruf ins Ohr: Und sie bewegt sach doch!

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Dietmar Moews meint: Nun da steht „sach“ – was es bedeutet, weiß ich nicht. Doch wer hier neugierig las, wie KARL KRAUS da wochein-wochaus die deutschsprachige Kultur begleitete, lässt sich empfinden.

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Er schrieb lange Sätze. Zeitwissen ist zum Verständnis wichtig.

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Wenn ich heute in einer MARKUS-LANZ-Talkschow den Schwätzer sagen höre – „da ist ein wirklich lesenswerter Text, aber es dauert mindestens eine halbe Stunde durchzulesen …“ dann haben wir heute wenige Leser, die KARL KRAUS lesefähig sein mögen.

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Ich mochte dennoch hier diese Leseproben von vor 100 Jahren bereitstellen.

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FINE E COMPATTO

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