Peter Handke Skizzen der Augenwelt

Lichtgeschwindigkeit 9447

am Freitag, 9. August 2019

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Der Verlag Schirmer/Mosel hat ein Bilderbuch gemacht. 104 faksimilierte Zeichenstift-Skizzen, die Dichter Peter Handke zwischen 2007 und 2017 „notierte“ erschienen jetzt – Dietmar Moews stellt das hier vor.

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Wen interessiert Dietmar Moews? – einige tausend Leute. Wen interessiert Peter Handke? – einige Millionen Leute. Wen interessiert, was Dietmar Moews über ein Schirmer/Mosel-Bildband schreibt? Wen interessiert, was Dietmar Moews über den Bildband und die von Handke gekritzelt bezeugten Augenstudien schreibt – um solche handelt es sich nämlich bei dem, was da Zeichnungen genannt wird – in diesem neuen Buch ziemlich angebuntet und geschmackvoll aufgeboten?

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Das Buch enthält 104 faksimilierte Abbildungen von Peter Handkes „Zeichnungen“ im Originalmaßstab, die er zwischen 2007 und 2017 an verschiedenen Orten verfertigte – immer was sein Auge interessierte, auch wenn es die Hand gar nicht kann. Mit diesen Bildchen hatte die Berliner Galerie Friese eine überregional rezensierte Ausstellung gemacht. Was man davon hörte, war unbeholfen, oft einfach doof und meist das Surfen auf dem Namen Handke zu eigenen Zwecken. Genauso ist es wohl auch zu dem Essay genannten kurzen Text im Buch des Italieners Giorgio Agamben gekommen, der seinen belanglosen Erguss nicht vermied.

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Peter Handke besteht darauf, seine Zeichnungen in Anführungsstrichen zu verstehen, da er kein ausgebildeter Zeichner sei.

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Dietmar Moews interessieren die Abbildungen, weil Peter Handke zu den besten Beobachtern der Augen-, Gefühls- und Verstandeswelt unserer Tage gehört, dessen Werke deshalb unbedingt lesenswert sind – auch als lehrender Kontrast zu den endlosen Schwätzern, die wenig sehen, wenig Sinnlichkeit erfahren, sondern sich dabei überwiegend geräuschvoll im Wege sind, wg. Eigenemotionalität nichts sehen.

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Ich gehe das Buch im Folgenden kurz durch, womit sowohl die gezeichneten Gegenstände, die fokussierten Reize, die kindlichen und die sehr gut beobachteten Merkmale aufzählend – und was man besser machen könnte, wenn man sich ebenfalls, wie Peter Handke, für die Augenwelt interessiert und mehr als Peter Handke fürs Zeichnen. Dabei kommen die von Handke oft bemerkten Bleistifte anscheinend bei dieser Buchbebilderung gar nicht so dominant zum Zeichenstilmerkmal. Und – der Willkür der Redaktion Bahn zu brechen, beginnt der Abbildungsteil mit einer Anspielung, datiert 2017, auf Eschers Umformungsspielen, „Die Stunde zwischen Schwalbe und Fledermaus“ – (warum nicht noch Monets Seerosen und die Friedenstaube von Picasso?).

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Eine hingestreckt liegende Katze namens UHU, die immer typisch aussieht, die niemals falsch aussieht – aber eine gezeichnete Katze hat selten die anmutende Mimik einer Erscheinung in unserer Augenwelt, wie sie der Dichter Peter Handke gesehen hat und wie ihm seine Hand geschenkt hat, zu kritzeln – wunderbar gut gelungen, dieser Uhu.

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Handke verfolgt keineswegs Selbstausdruck oder kitschige Attitüden des modernen Zeichnens. Ihn interessiert, ähnlich dem Augenmensch Goethe, zu sehen, was da zu sehen ist, Gegenstände, Licht und Schatten, was da an Gegenständen wichtig ist oder, was man nur sieht, wenn man es weiß und versteht, etwa: Wie ist eine Erdbeere eine Erdbeere und nicht eine Himbeere? – und worin müssten Unterschiede zu Brombeeren gesehen und verstanden, also eben auch dargestellt werden? eine Einprägung und Aneignung durch dieses Sehen und Zeichnen – er konnte es nicht singen.

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Die Ausmaße der Zeichnungen sind selten größer als eine Buchseite, meist sind es Zettelchen oder nachträgliche Ausschnitte aus handschriftlichen Notizen. Handke benutzt als sein Handschreibwerkzeug einen Stift, Tinte, Kugelschreiber, vermutlich auch Filzschreiber, immer dünnlinig, in vielen Farben. Dabei sind seine „Malgründe“ mehr oder weniger Papier weißer Farbe, Altweiß, Eierschale. So, dass er, ähnlich einer Aquarell-Darstellungstechnik, kein Weiß als Farbe einsetzen kann, also Helligkeiten, Lichter, weiße Lokalfarben seiner Gegenstände, den freigelassenen Zeichnungsgrund zu nutzen versuchen muss. Oft gelingt das nicht, wenn er – bei zu wenig Planung seiner „Erdbeere“ etwa -, die Lichter vergisst, nachträglich aber nicht mehr hinkriegt. Nochmal – diese Erdbeeren – er hatte es offenbar nicht so wichtig genommen, wirklich zu sehen und zu verstehen, wie so eine Frucht aussieht – es wäre nämlich bei erheblicherem Zeitaufwand eine Menge mehr „dran“. Immerhin spricht die Form sehr charakteristisch für „wilde Erdbeere“, eigentlich Walderdbeere.

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Diese handkesche Planungssorgfalt oder -hastigkeit kommt auch in zahlreichen Licht- und Schattenspielen heraus, wenn die Sonne das Hemd durchscheint, das Gras durchscheint, die Schattenmorphologien auf Hauswände wirft oder aus dem Erdtrichter des Ameisenhaufens im Dünensand eine verblüffende Ähnlichkeit zur Löwenzahnsporenkugel entsteht.

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Man sieht jeder Zeichnung an, ob Peter Handke gerade lebhaft und dynamisch sitzt oder ob er eher angeschlafft pausiert, aber noch mit Augen über Gegenstände wandert, bis eine Walnuß oder ein toter Maulwurf anschaulich genug scheinen, zeichnerisch notiert zu werden. Mal produzieren mehr Handkes Hände, mal mehr seine Augen, mal geht es ums ganzheitlich Sehenswerte, mal um eine spezielle Sonderform oder ein Detail. Mal ist der Mond ein Luftballon, mal ein Apfel, mal die Ähnlichkeit gar nicht beabsichtigt.

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Soviel zu gesehenen Licht und Schatten mit Schreibstiften „abgezeichnet“.

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Viel Freude scheint Peter Handke auch beim Kritzeln zu haben. Das wirkt lustvoll gemacht. Aber es ist auch ein Bisschen das Fremdschämen, wenn es ihm auffällt, dass Flächen färben zu wollen, indem man einen spitzen Farbstift hat und sich nunmehr anstatt der Linien, die da herauskommen, sich eine Farbfläche durch gleichförmiges Kritzeln herstellen will, was niemals gelingt. Und dazu hat Handke eben passende Gegenstände gesehen, die gerade diese absurde Flächeneinfärbung durch Schreibgeräte zu rufen scheinen: Ein Eisenbahnfenster bei Starkregen, die Ärmel der Brotbrechhände (naja), das Mittelmeer bei Thessaloniki vom Flugzeug mit Blick auf den Olymp, die Seine vom Pont Mirabeau. Auch die „Spatzenbadekuhlen“ (Seite 61) sind entmaterialisiert wie Hautkrebs. Was mag er sich gedacht haben, als diese Zeichnung vor der Natur misslang? – vielleicht dachte er: „Abendhimmel hinter den Buchen“. Zeichnung eines Ameisenhaufens – nun, ohne Licht und Schatten könnten es auch ein Heuhaufen von Monet oder Pferdeäpfel kurz nach dem Aufprall sein. Dabei sind einige Ameisen in schwarzem Stift anskizziert – für den ganzen Haufen haben Geduld oder Zeit nicht gereicht.

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Nun zu den Glücksstücken:

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Neugeborene Frösche = 2fach vergrößert (Niemandbucht) – mit rotem Kugelschreiber; hier ist diese Fröschlein-Morphologie genial gesehen und dargestellt; solche Winzlinge sind an sich zunächst nur „körperlose Zeichnungen“ die sich bewegen. Dazu sind die ebenso gerade archetypisch erfassten Kaulquappen, wie sie namenlos dahinzappeln um bald im dichtgedrängten Schwarm der Vorform des Froschlaiches zu klump zu werden. Wer das kennt, erkennt es sofort wieder – dass auch Handke das gesehen hatte. Dieser Naturzauber in der skizzenhaften Erfassung geht auch von „Verwundete Waldmaus“ aus, die mit Zehen Bodenhaftung erkrampft und einen mimetischen Schwanz biegt, wie er göttlich vor das Himmelstor dieser Maus hochgestellt ist.

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Peter Handkes Lamellenpilze rufen geradezu seine Stifte-Zeichentechnik; dabei sind die Pilzfarben zusätzlich verschönernd. Während das Gezeichnete so gelingt, kommt das Zeichenhafte, wie etwa die Segelboote auf dem Chiemsee gesehen vom Flugzeug aus vor der Landung in Salzburg, als ein hingemachtes Kurzprotokoll – die segeln zwar, aber die Windrichtung kannte bzw. sah er wohl nicht. Ein „Whiskypriester“ schlafend am Wirtshaustisch erinnert ziemlich an die Lösung Wilhelm Buschs, wenn der den Maler Klecksel im Profil und en Face zugleich zeichnete – zwei Augen muss er doch haben. „Südfrankreich nach dem Waldbrand“ würde man nicht erkennen -, ist auch wieder so eine Erinnerungsstütze. Während beim Polizist von Lothringen eine figürliche Mimik gemeint sein könnte – doch so falsch, dass auch das Auge des Meisters hierbei zu kurz gekommen war.

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Ja, auch Otto Müller konnte keine Hände malen. Handke macht es hier einfach, wenn Jesus das Brot bricht, müssen da fünf Finger je Hand erscheinen, das Brot, die Rissmitte – der Rest ist Liebe zu Peter Handke. Liebe sind auch die Schulkinder Ansbach, wie sie da hintorkeln wie Breugels Schlittschuhkinder. Und mal Teerschlieren und Teerspuren nachzusinnen, ergibt Sinn durch die Charakteristik im Ausdruck des Gekrakels – „nachts, Landstraße, Frankreich“ (nun gut).

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Ich schließe mit drei Höhepunkten:

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Jede Seite dieses Bildbandes wird von einem weißtonigen „Passepartous“-Spiegel, ohne abgrenzende Linien-Umrandung. unterlegt, die kleinen Formate, die meist ebenfalls noch einen ungerandeten weißen Ausschnitt bieten werden, sind also mildweiß weich eingebettet.

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„Mein Bruder Hans Stara Vas Dezember 2010“, (Seite 67) zeigt nur Punkt Punkt Komma Strich fertig ist das Mondgesicht eine Kürzestfassung eines Menschenkopfes, Schnauzbart, ein Ohrhenkel, eine Gurkennase, zwei Spiegeleieraugen, keine Schädelumriss oder Frisur.

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„Mein Kind“ – da hat er sehr um die Schönheit von Proportion gerungen (gekritzelt), wenn ein zartes Kinn zu einem zarten kräftigen Mund, einer zarten Nase, niedergeschlagenen Augen und ausdrucksstarken Augenbrauen und der Langhaarordnung – wie deutlich hier das Wort „Mein“ das Ich von Peter Handke auf das Kind – und zwei Seiten weiter – auf den Bruder bezogen wird. Das würde Handke vielleicht mit seiner Sprachgenauigkeit gar nicht sagen wollen, was er hier mit seinem Zeichnenunvermögen bei Tochter und Bruder extrem pointiert.

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Und den Preis erhält (drittens)

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„Brombeeren auf der Landkarte“ (Seite 51) – da hat ihm die unbeholfene Kritzeltechnik geradezu zum großen Darstellungswurf verholfen, wie seidenmatt die Glanzlichter auf allen Fruchtperlen stehen, ist sogar vom feinen Wildfruchtgeruch umgeben und möchte gleich weggenommen werden – ohne groß Licht und Schatten vorzuführen haben Handkes Augen und seine Sympathie eine sehenswerte Brombeerdarstellung geschaffen.

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Deistertorte – Wandbildentwurf

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Dietmar Moews meint: So halte ich das Buch für kaufenswert, die Zeichnungen für sehenswert, den Autor für verehrenswert und so manches Bild von anmutigen „Esskastanien“ oder „Weiche auf Zugstrecke“ (während es ein Stellhebel ist, nicht die Weiche), den gescheitelten Haarschopf des schlafenden Kindes oder das lieblose Portrait seiner eigenen Finger – worauf ein Dichter Peter Handke so achtet, wenn der Tag lang ist.

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Replik nach Pompeji-Stilleben

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FINE E COMPATTO

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