200 Jahre Genie-Dichter Gottfried Keller

Lichtgeschwindigkeit 9363

am Dienstag, 16. Juli 2019

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Gottfried Keller wurde am 19. Juli 1819 in Zürich geboren, wo er am 15. Juli 1890 starb.

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Gottfried Keller war ein herausragenden deutschsprachigen Dichter, Denker und Maler. Die Geworfenheit seines Erwerbslebens ermöglichte leider nicht das Genie als Maler auszubreiten. Einige Meisterwerke, Öl und auch Aquarell sind erhalten und setzen jeden, der Augen hat, in Staunen.

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Wegen eines Jugendstreiches von der höheren Schulbildung ausgeschlossen, trat er eine Lehre an, um Landschaftsmaler zu werden. Er verbrachte zwei Studienjahre in München, von wo er 1842 mittellos in seine Vaterstadt zurückkehrte. Unter dem Eindruck der Lyrik des Vormärz entdeckte er sein dichterisches Talent. Zur gleichen Zeit beteiligte er sich an der militanten Bewegung, die 1848 zur staatlichen Neuordnung der Schweiz führte.

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Der junge Keller lernte die Außenseite des Kunstbetriebes kennen und prallte ab. Er wurde entmutigt, obschon er sah, dass seine Bilder besser waren, als das meiste andere.

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Als die Zürcher Regierung ihm ein Reisestipendium gewährte, wandte er sich nach Heidelberg, um Geschichte und Staatswissenschaften zu studieren, und von dort aus weiter nach Berlin, um sich zum Theaterschriftsteller auszubilden. Anstelle von Dramen entstanden jedoch Romane und Novellen, so Der grüne Heinrich, das Meisterwerk in mehreren Fassungen und die Leute von Seldwyla, seine bekanntesten Werke, die jeder Deutsche kennt:

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Pankraz der Schmoller, Die drei gerechten Kammmacher, Frau Regel Amrain. Nach sieben Jahren in Deutschland kehrte er 1855 nach Zürich zurück, zwar als anerkannter Schriftsteller, doch immer noch mittellos. Letzteres änderte sich 1861 mit seiner Berufung zum Ersten Staatsschreiber des Kantons Zürich.

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Der junge Leihbibliotheks- und Antiquariatskunde Keller hatte bereits die Werke Jean Pauls („an dreimal zwölf Bände“) und Goethes („vierzig Tage lang“) verschlungen. Seine Studienbücher aus den Jahren 1836–1840 enthalten neben Zeichnungen zunehmend schriftliche Einträge: Lesefrüchte, Erzählversuche, Entwürfe zu Dramen, Landschaftsbeschreibungen und Reflexionen über Religion, Natur und Kunst im Stile Jean Pauls.

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Heidelberg war auch Kunststadt. Keller schloss sich dem gleichaltrigen Maler Bernhard Fries an, Sohn eines Heidelberger Kunstsammlers, und war häufig zu Gast bei Christian Koester, der die Blütezeit der literarischen und malerischen Heidelberger Romantik erlebt und als Restaurator der Boisseréeschen Gemäldesammlung gewirkt hatte. Koester, ein Goetheverehrer, machte seinen Besucher mit Werken der altdeutschen Malerei und Grafik bekannt und regte ihn zu dem Gedicht Melancholie an, das eine Auslegung des berühmten Dürerschen Kupferstichs enthält.

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Im „Waldhorn“, dem Haus des liberalen Politikers und Gelehrten Christian Kapp, begegnete Keller dem Philosophen Ludwig Feuerbach, der, seines Erlanger Lehramts enthoben, von revolutionären Studenten nach Heidelberg eingeladen worden war und dort im Rathaussaal vor einem aus Arbeitern, Bürgern und Akademikern gemischten Publikum Vorträge über das Wesen der Religion hielt. Keller über Feuerbach an seinen Freund Baumgartner:

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Das Merkwürdigste, was mir hier passirt ist, besteht darin, daß ich nun mit Feuerbach, den ich einfältiger Lümmel in einer Rezension von Ruges Werken auch ein wenig angegriffen hatte, über welchen ich grober Weise vor nicht langer Zeit auch mit dir Händel anfing, daß ich mit diesem gleichen Feuerbach fast alle Abende zusammen bin, Bier trinke und auf seine Worte lausche. […] Die Welt ist eine Republik, sagt er, und erträgt weder einen absoluten, noch einen konstitutionellen Gott (Rationalisten). Ich kann einstweilen diesem Aufrufe nicht widerstehen. Mein Gott war längst nur eine Art von Präsident oder erstem Consul, welcher nicht viel Ansehen genoß, ich mußte ihn absetzen. Allein ich kann nicht schwören, daß meine Welt sich nicht wieder an einem schönen Morgen ein Reichsoberhaupt wähle. Die Unsterblichkeit geht in den Kauf. So schön und empfindungsreich der Gedanke ist – kehre die Hand auf die rechte Weise um, und das Gegentheil ist ebenso ergreifend und tief. Wenigstens für mich waren es sehr feierliche und nachdenkliche Stunden, als ich anfing, mich an den Gedanken des wahrhaften Todes zu gewöhnen. Ich kann dich versichern, daß man sich zusammen nimmt und nicht eben ein schlechterer Mensch wird.“

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Die Feuerbachsche „Wende zur Diesseitigkeit“ bildet ein zentrales Thema des Grünen Heinrich.

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Preußischen Boden betrat Keller, rheinabwärts per Schiff unterwegs, erstmals in Köln. Dort ließ Freiligrath, der von Gerichtsverfahren bedrängte Ex-Redakteur der Neuen Rheinischen, es sich nicht nehmen, den Freund in beschwingter Runde zu feiern. Mit von der Partie waren der Dichter Wolfgang Müller von Königswinter und, wenig später in der Kunststadt Düsseldorf, der Maler Johann Peter Hasenclever. Ende April 1850 erreichte Keller Berlin und bezog unter den misstrauischen Blicken der Hinckeldeyschen Polizei eine Wohnung nahe am Gendarmenmarkt in Sichtweite des Königlichen Schauspielhauses.

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Insgesamt zahlte Vieweg kaum 1⅓ Louis d’or pro Bogen, und das, während sein Verlag florierte und obwohl ihm Kellers wirtschaftliche Lage bekannt war. So entspann sich zwischen Berlin und Braunschweig ein Briefwechsel, der wegen des schneidend bitteren Tones – bei stets gewahrter Höflichkeit – in der deutschen Literaturgeschichte seinesgleichen sucht. Jonas Fränkel, der Herausgeber von Kellers Briefen an Vieweg, urteilte:

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Vieweg war nicht großmütig genug, um sich des fertigen Buches zu freuen und allein der Arbeit der unzähligen Tage und Nächte zu gedenken, die in den 1700 Druckseiten eingeschlossen lag. Daß der Verleger mitunter dem Autor ein Opfer bringen muss, gleich wie der Autor seinem Werke Opfer bringt, diese Einsicht war ihm fremd. Für ihn […] bedeutete auch Der grüne Heinrich nichts als eine Ware, deren Wert durch die Geschäftsbücher bestimmt wird. Er fertigte eine wunderliche Abrechnung aus, und der Lohn, den der Verfasser am Ende von sechs Jahren empfing, reichte nicht einmal, die aufgelaufene Schuld bei der Zimmerfrau zu begleichen.“

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Am 11. September 1861 bewarb sich Keller auf Hagenbuchs dringenden Rat um die freigewordene Stelle des Ersten Staatsschreibers des Kantons Zürich. Drei Tage später wurde er von der Regierung mit fünf gegen drei Stimmen gewählt. Er gelangte damit in das bestbesoldete Amt, das seine Heimatrepublik zu vergeben hatte. Die Stelle, „weder eine halbe noch eine ganze Sinekure“, ließ ihm zwar wenig Zeit für sein literarisches Werk, entsprach aber seiner Neigung und seinen Fähigkeiten und befreite ihn von ständigen wirtschaftlichen Sorgen. „Niemand beklage diese Wendung im Leben des Dichters! Sie wurde tatsächlich sein Heil. Denn er befand sich auf dem nächsten Weg zur Verwilderung“, kommentiert Baechtold.

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Mit Wagner, dessen Schriften er bereits in Heidelberg studiert hatte, vertrug Keller sich „merkwürdig gut“. Wagner schätzte die Leute von Seldwyla, die im Frühjahr 1856 endlich erschienen waren, von Auerbach gepriesen, von Gutzkow getadelt; Keller nannte Wagners Ring der Nibelungen einen „Schatz ursprünglicher nationaler Poesie“ und eine „glut- und blütenvolle Dichtung“, letzteres wohl mit Vorbehalt; denn angesichts von Versen wie „Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege!“ urteilte er später über Wagner ziemlich hart: „seine Sprache, so poetisch und großartig sein Griff in die deutsche Vorwelt und seine Intentionen sind, ist in ihrem archaistischen Getändel nicht geeignet, das Bewußtsein der Gegenwart oder gar der Zukunft zu umkleiden, sondern sie gehört der Vergangenheit an.“

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Über weitere Attraktionen, die seine Vaterstadt zu bieten hatte, berichtete er Freund Hettner:

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Alle Donnerstag sind akademische Vorlesungen à la Sing-Akademie zu Berlin, im größten Saal der Stadt, wohin sich die Weiblein und Männlein vielhundertweise drängen und gegen zwei Stunden unentwegt aushalten. Semper hat einen allerliebsten und tiefsinnigen Vortrag gehalten über das Wesen des Schmucks. Vischer wird den Beschluß machen mit dem Macbeth. Daneben sind eine Menge besonderer Zyklen der einzelnen Größen, so dass man alle Abend die Dienstmädchen mit den großen Visitenlaternen herumlaufen sieht, um den innerlich erleuchteten Damen auch äußerlich heimzuleuchten. Freilich munkelt man auch, daß die spröden und bigotten Züricherinnen in diesen Vorlesungen ein sehr ehrbares und unschuldiges Rendevouz-System entdeckt hätten und daß die Gedanken nicht immer auf den Vortrag konzentriert seien.“

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Mit den „einzelnen Größen“ waren Jacob Burckhardt, Hermann Köchly, Pompejus Bolley und Jakob Moleschott gemeint, bis auf Burckhardt alles Deutsche. Es sei „schrecklich“, bekannte er Ludmilla Assing, „wie es in Zürich von Gelehrten und Literaten wimmelt“

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Schon Ende 1856 während des Neuenburgerhandels hatte er sich der parteiübergreifenden Volksbewegung zur Abwehr einer preußischen Invasion angeschlossen und per Leitartikel eine Ermutigungsadresse „An die Hohe Bundesversammlung“ gerichtet. Sie unterschied sich politisch nicht von vielen solcher Kundgaben. Anders sein „Aufruf zur Wahlversammlung in Uster“  im Herbst 1860 während des Savoyerhandels: Keller exponierte sich darin als Federführer einer Initiative zur bevorstehenden Nationalratswahl und griff die „Unselbständigkeit der Gesinnung“ der bisherigen Zürcher Abgeordneten an, bei denen es sich um – zumeist beamtete – Gefolgsleute des „Princeps“ Alfred Escher handelte, die es nach Ansicht Kellers und seiner Mitstreiter an entschlossenem Widerstand gegen die Missachtung der Schweizer Neutralität durch Napoleon III. hatten fehlen lassen. Im Berner Bund setzte er diese Angriffe in geistreich-witzigen Artikeln fort. Synchron wurde dazu im Feuilleton das Fähnlein nachgedruckt, in welchem zu lesen stand: „Laß einmal Kerle mit vielen Millionen entstehen, die politische Herrschsucht besitzen, und du wirst sehen, was die für Unfug treiben!“ Die Irritation im Escher-Lager war beträchtlich. Hatte man eine Schlange am Busen genährt? Zwar brachte die Wahlinitiative keinen ihrer Männer durch, doch der Bann war gebrochen, gegen das „System Escher“ und dessen politische Glaubensartikel, Wirtschaftsmacht und industrieller Fortschritt, erhob sich erstmals die Stimme eines Literaten. Das sah auch der Angegriffene und ließ sich wenig später in der ihm nahestehenden Neuen Zürcher Zeitung vernehmen. Sein Ton war kühl-überlegen, sein Thema die Achtung vor der Schweiz und ihrer Neutralität:

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Keller, der dies als Seitenhieb auf seine fortdauernde wirtschaftliche Abhängigkeit verstand, konterte umgehend im Zürcher Intelligenzblatt:

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Wollte man auf diese etwas geldstolze Stelle outriert [übertrieben] antworten, so könnte man sagen: es gibt in der Schweiz arme Kantone, die dennoch sehr ehrwürdig sind, und es gab z. B. auch ein einzelnes Individuum, namens Pestalozzi, welches sein Leben lang in Geldnöten war, sich auf den Erwerb gar nicht verstand und dennoch viel wirkte in der Welt, und bei dem der Ausdruck, er verdiene keine Achtung, nicht ganz richtig gewählt gewesen wäre.

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Als Befürworter der repräsentativen Demokratie nahm Keller 1864/65 in mehreren Zeitungsartikeln gegen eine Totalrevision der Zürcher Verfassung Stellung und wirkte im Jahr darauf an einer partiellen Reform mit, die den Wählern das Recht einräumte, per Volksinitiative die Ausarbeitung einer neuen Verfassung zu verlangen. Von diesem Recht machten die Demokraten alsbald Gebrauch, um das System zu stürzen.

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Karl Dilthey schrieb 1873 an Marie Exner: „Keller ist so gründlich einsam, und die Exnerei und ich sind so ziemlich die einzigen Menschen, die er vertragen kann.“ Sich selbst charakterisierte der unter seiner fortwährenden Ehelosigkeit Leidende so: „Ich bin […] ein kleiner dicker Kerl, der abends 9 Uhr ins Wirthaus und um Mitternacht zu Bette geht als alter Junggeselle.“

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1883 veröffentlichte Hertz Kellers Gesammelte Gedichte. 1886 erschien der Roman Martin Salander in Fortsetzungen in der Deutschen Rundschau und Ende desselben Jahres als Buch bei Hertz. Ab 1889 brachte Hertz, der Weiberts Rechte an der endgültigen Fassung des Grünen Heinrich erworben hatte, Kellers Gesammelte Werke heraus. Keller wechselte ab 1877 Briefe mit dem Husumer Dichter Theodor Storm und dessen Freund, dem Schleswiger Regierungsrat Wilhelm Petersen.

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Die Brieffreundschaft hielt – gesehen haben sich Keller, Zürich und Storm in Husum. 1884 ließ sich Arnold Böcklin in Zürich nieder. Maler und Dichter schlossen eine Freundschaft, die bis zu Kellers Tod währte. Böcklin entwarf das Frontispiz  zur Hertz’schen Gesamtausgabe, ebenso die Medaille, die die Zürcher Regierung Keller zum 70. Geburtstag prägen ließ und ihm in Gold überreichte.

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Seinen Nachlass vermachte er der Zentrakbibliothek Zürich, damalige Stadtbibliothek. Dieser umfasst Kellers Handschriften und Briefe, seine Bibliothek sowie über 60 eigenhändige Zeichnungen und Gemälde.

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In Menschliches Allzumenschliches zählte Friedrich Nietzsche 1879 Die Leute von Seldwyla zum „Schatz der deutschen Prosa“ und zu den Büchern, die „wieder und wieder gelesen zu werden“ verdienen.

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Nietzsche zählte neben Goethes Wahlverwandtschaften, Kellers Grünen Heinrich, Gespräche mit Eckermann, Stifters Nachsommer, Jung-Stilling Jugendgeschichten zu den fünf besten deutschen Prosaschriften.

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