Tradition und Reformation beim Lutherischen Kirchentag in Berlin

Lichtgeschwindigkeit 7343

Vom Montag, 29. Mai 2017

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neues deutschland, Seite 9, am 27. Mai 2017, zitiert KARL JASPERS

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Der alljährliche evangelische Kirchentag fand in dieser Woche in Berlin und in Wittenberg statt.

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Dieses Kirchentreffen 2017 war unter das Motto „Von Angesicht zu Angesicht“ gestellt. Es trug von Anfang bis Ende das Gepräge, dieses Motto zu ignorieren – eine künstlerische Lutherkritik auf dem Pariser Platz am Brandenburger Tor wurde abgeräumt:

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Die Künstler proklamierten „www.11tes-gebot.de“ und „DIE NACKTE WAHRHEIT ÜBER MARTIN LUTHER“, dessen antisemitischen Notate der Oldenburger/Basler Philosophieprofessor Karl Jaspers im Jahr 1962 so kommentierte:

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Luthers Ratschläge gegen die Juden … hat Hitler genau ausgeführt.“

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Trotz der allgemeinen Terrorlage kamen angeblich 110.000 Laien und Erwerbschristen zusammen, die an insgesamt etwa 2.000 Veranstaltungs-Programmpunkten teilnahmen. Das Ganze konnte ziemlich gewaltfrei und geordnet ablaufen. Abschließend, in den Wittenberger Elbwiesen, sprach Bundespräsident Steinmeier sein staatliches Grußwort.

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Ich beziehe diese LICHTGESCHWINDIGKEIT auf drei Aspekte des Kirchentages 2017:

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EINS Die schreckliche Musik in diesen Kirchentagen, die immer wieder von „schlechter Kelly-Family und wenig von Johann Sebastian Bach und wenig von den wunderschönen Kirchenliedern des Gesangbuches“ geprägt worden ist und zwar gewaltsam. Man entging den dümmlichen, oft in englischer Sprache niedergestimmten, Vulgär-Songs nirgends, selbst nicht bei Andachten, wenn angeblich „die Stille“ und Kontemplation angesagt war – Blödmusik allüberall.

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Ich fordere nicht an den Haaren herbeigezogene vertonte Luther-Lieder zum an den Haaren herbeigezogenen „Lutherjahr“ – aber Luthers Lyrik und Lieder waren bereits zur Reformationszeit bekannt, im Unterschied zu den sogenannten „Luther Schriften“, die damals nicht gedruckt verbreitet und nicht Allgemeingut waren.

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Von Angesicht zu Angesicht“?

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ZWEI Die Neuverbindung zwischen den beiden christlichen Moral-Großunternehmen in Deutschland, die Evangelisch-Lutherischen Landeskirchen sowie die Römisch-Katholische Kirche wurde vielfach thematisiert und „gefeiert“.

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Die Kirchenführer traten vielfach persönlich auf – evangelische Landesbischöfe, die Kirchentags-Präsidentin, der Präses von Deutschland sowie auch der intelligente Münchner Kardinal Reinhard Marx. Dass man dieser verschlagenen Eucharistie seitens der Lutheraner am Abschlusstag nachrief:

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Kirchentag im Geiste des Reformationsjahres“

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Das war plump und unhöflich – Marx wird es verschmerzen.

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DREI Wie FÜHRUNGS- und FÜHLUNGSBEDÜRFTIG die im Bilde von christlichem Glauben zusammengekommenen Menschen in Deutschland tatsächlich sind, beweist sich allein aus der weitgehend freiwilligen Teilnehmerzahl.

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Dietmar Moews meint: Lutherische Kirchentage nach Widersprüchen, Profanität und Dämlichkeiten abzuklopfen ist überflüssig. Jeder Beobachter weiß, warum er da nicht teilnimmt oder, welche nützlichen Funktionen dabei für Teilnehmer gefragt sind und auch geliefert werden. Von wichtigen spirituellen Qualitäten muss man bei dem Lärm der Hundertundzehnausend wohl nicht schwärmen. Wie viel Messwein konsumiert und wieviele Haschisch-Joints gezündelt worden sind, wurde nicht bekannt.

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Die soziale Tatsache eines solchen Kirchentages und die Massenorganisation beweisen bereits, wie sehr solche Massenversammlungen gefragt sind. So ein Kirchentag bringt zwar nicht so viele Menschen am Wochenende auf die Beine wie ein Fußball-Bundesliga-Spieltag oder das DFB-Pokalendspiel, doch Hunderttausende haben hierfür Bedarf.

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Gemessen daran, welche kollektiven Wertgemeinschaften alltäglich, ober- und unterirdisch, entstehen, sich reproduzieren und reproduziert werden, muss der demokratisch verfasste Rechtsstaat seinerseits ordnungspolitische und gemeinschaftspflegende Traditionen etablieren. Der Staat muss Führung und Fühlung im verfassungsgemäßen Spiel ermöglichen bzw. auch führen und dirigieren. Das kann und sollte über den MODUS FREIWILLIGKEIT angesprochen werden, wie beim Kirchentag, und möglichst wenig durch Direktion oder Zwang.

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Die Kirchentagskonsumenten von 2017 werden von Partylaune, von Betriebsausflug, von Tradition, von Reproduktion des aktuellen christlichen Kanons, auch von Friedenspolitik einer Rüstungsgeschäftegesellschaft, Sitten und Gebrauchspflege im Geiste der biblischen Obrigkeit und Unterordnung – im Spannungsfeld von Lutherismus als Widerspruchsgeist fünf Tage lang kollektiv beschäftigt..

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Kurz, wir haben beim alljährlichen Kirchentag die provinzielle soziale Basis zur freiwilligen Gemütlichkeit und Konsonanz der laienhaften Gemüter versammelt.

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Es ist überhaupt zu akzeptieren, dass der deutsche Staat solche symbolischen „Erntedankfeste“ erheblich subventioniert. Nicht auszudenken, was diese Auswahl von sozialem Glaubens-Genies ansonsten tun würden, wenn es keine Kirchetage gäbe. Denn Flüchtlingshilfe und Diakonie, regelmäßige Gottesdienste, Messwein und Familienfeiern genügen den praktizierenden Christen oft nicht.

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Nur Idioten begreifen nicht, dass die staatliche Beförderung solcher Massenveranstaltungen nicht der Erörtung der „Trennung von Kirche und Staat“ angedeihlich sein müssen, sondern einzig eine staatliche Indienstnahme freier sozialer Ressourcen ist – das hat auch der Auftritt des Bundespräsident dabei zu symbolisieren.

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Die GIORDANO BRUNO STIFTUNG ließ von ihrem Sprecher, David Farago erklären:

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Die „Luther-Dekade verschlingt über 250 Millionen Euro Steuergelder. Wieso 225 Jahre nach der französischen Revolution, die nicht nur die Menschenrechte, sondern auch die Trennung von Staat und Kirche kodifizierte, bei uns immer noch hohe Staatsbeamte auf die Bibel einschwören oder die Kardinals-Bezahlung direkt aus Landes-Steuermitteln nähren, scheint fragwürdig, ist aber ordnungspolitisch durchaus wirkungsvoll und sei es kritiklähmend zwischen Regierungen, Staatsadministrationen und Kirchenführungen.

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Schade dass die Kirchenlieder nicht gepflegt werden. Denn die oft martialischen und archaischen Texte der christlichen Melodien rufen jeden Mitsinger auch zum Selberdenken auf, wie poetisch und wie radikal wörtlich heutiges Christentum in der Lutherischen Kirche gelten sollte oder tatsächlich gilt.

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Wieso das kirchliche Sozial- und Arbeitsrecht nicht diskutiert wird? – Diese Frage wird beim Kirchentag „Von Angesicht zu Angesicht“ lieber nicht gestellt. Nun ja.

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Es ist der Evangelisch-Lutherische Kirchentag eben eine TOP-DOWN-Veranstaltungsregie und keine basisdemokratische BOTTO-UP-Gestaltung. Führungsbedarf ist größer als die Selberdenkbereitschaft, die sagt:

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Hilf dir selbst, so hilft dir Gott.“

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