NEUE SINNLICHKEIT als postmodernes Textbewusstsein

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Vom Sonntag, 6. November 2016

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Bald ist Totensonntag.

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Ich schreibe hier für etwa 50 Menschen. Inzwischen haben die LICHTGESCHWINDIGKEIT etwa 1,5 Millionen gelesen – ich habe keine gesicherten Kenntnisse der Klickzahlen (Youtube und WordPress).

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Wenn meine Texte 50 geniale Menschen lesen, sind meine frommen Vorsätze zu leben, erfüllt. Erreicht ein Denker durch das Schlüsselloch von 50 bedeutenden Lesern wirkt sein Schaffen in die Kulturgeschichte hinein. Indem meine Gedanken höchst intensiv erdacht werden und zugleich an Malerei und an etwa 700 Meisterwerken qualitativ durchgeistigt und manifestiert sind, kommt – so gesehen – noch eine kognitive Verdinglichung hinzu, die auch ohne Texttraining eine sinnliche Wahrnehmung des Gewichtes der Neuen Sinnlichkeit bietet.

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Der gar nicht besonders von mir gemochte, aber immerhin respektierte Maler Arnold Böcklin soll gesagt haben:

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Mit wem soll man verkehren? Man hat ja gar keine Anknüpfungspunkte. Auch bei Malern nicht, erst recht nicht. Alle wie sie da sind, wollen sie nicht in, sondern mit ihrer Kunst etwas erreichen; versuchen‘s so oder so, sind Streber, Affaristen, Jongleure; der eine will reich, der andere gesellschaftlich angesehenmder dritte berühmt oder berüchtigt, der vierte Akademiedirektor werden. BÖCKLIN“.

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Seine Sachen meistern. Der mit jedem Bild interessante Maler Arnold Böcklin meinte, „Nichts können ist noch lange keine neue Richtung“. Nichts können ist weit verbreitet, so bekannt, dass man es lieber verschweigt und langweilig.

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Am 3. November 1979, mit einem Konzert mit einer Uraufführung von neuen Sonatinen des slowakisch-hannoverschen Komponisten Ladislav Kupkovic, am Klavier, mit dem japanisch-hannoverschen NDR-Instrumentalist Kazuo Muranaka als Violinist, stellte ich in der Ballhof-Galerie Hannover die NEUE SINNLICHKEIT vor und gab das erste Blatt der Blätter für Kunst und Kultur „Neue Sinnlichkeit 0“ heraus. Es waren einige Hunderte Besucher gekommen, die bei schönem Herbstwetter bis auf den Ballhofplatz in Hannovers Altstadt stehen mussten:

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NEUE SINNLICHKEIT ist eine politische Manifestation der postmodernen Geschichtssituation: Die Moderne ist unvollendet beendet, weil die Menschen die HÖHER-SCHNELLER-WEITER-Steigerungs-Ideologie nicht mehr als Zukunftsverheißung und Hoffnung glauben.

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NEUE SINNLICHKEIT als Blätter für Kunst und Kultur erscheinen seitdem im 37. Jahrgang bis heute in loser Folge, im Verlag des Pandora-Kunst-Projekt KÖLN – demnächst NUMERO 69.

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Dietmar Moews meint: Als ich die Neue Sinnlichkeit pointierte – etwa im Jahr 1975, angesichts des Aufblitzens des postmodernen Zeitenwende – waren da Dinge, ob wirklich oder als Darstellungen, die einen menschlichen Maßstab zeigten. Menschen hat diese Gegenstände und Tatsachverhalte sich aus der Natur gesucht und gefunden, oder sie haben diese Dinge zu menschlichen Zwecken ausgelegt und hergestellt. Mir war klar, dass Absichten und Zwecke solcher Werke auf Meisterschaft angewiesen sind.

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Meisterlich gefunden, meisterlich gemacht und meisterlich gebraucht.

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Allein, wenn Benutzer eines Werkes keine versierten Konsumenten sind, hat man „Perlen vor Säue geworfen“ und es entsteht keine Wertschätzung und keine Benutzermeisterschaft.

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Es war in den 1970er Jahren der westlichen Lebenssphäre eine Konsumhochgeschwindigkeit oberflächlicher Lebensweise eskaliert, indem Modernisierung im HÖHER, SCHNELLER, WEITER die Gründlichkeit von Wissen, Stoffwechsel, Kenntnissen, Bildung, Urteilskraft und Differenzierungsvermögen so weit verdrängte, dass unsere Lebensweise mit und durch Dinge und Dinglichkeit, Texte und Textlichkeit, Bilder und Bildlichkeit – übrigens in allen Gewerken und Metiers, ob Bilder, Musikstücke, Tischsitten oder magische Praktiken – statt unter Maßgaben der menschengemäßen Qualität, den billigsten Motiven unterworfen wurde:

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Massenabsatz, Profitabiliät und kulturindustrielle Standardisierbarkeit.

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An Stelle von Meisterlichkeit der Werke wurden verdummende Verkaufstexte entwickelt, so dass die Konsumenten anstatt der Fragen des kognitiven Status der Qualität eines Werkes als besondere Dinglichkeit, nunmehr die Philologie als postfaktische Machenschaft marktgängig gemacht wurde – die Texte und Textualität als die Mittel der Rhetorik zur Vortäuschung von Qualität einsetzten. Wir entfernten unsere Moderne vom Modernitätslohn, verloren sogar „Text als Kultur“ an die sprachliche Prostitution der zu schmierenden Kulturindustrie und gerieten in ein zersetzendes Feedback durch die Disfunktionalisierung der Sprache als Organisationsmittel. Sollten indes Daseinvorsorge und Zukunftsgestaltung sprachlich zielgeführt werden, dürfen wir nicht länger fröhlich konsumierend die Verwirrung und die Weltzerstörung durch Wachstum der modernen Fortschrittsmethode organisieren. Sprache als metaphysisches Werkzeug zur Organisation unserer Vorstellungsorientierung sowie als philologische Hermeneutik war in der Sackgasse – weiterer Fortschritt ist Rückschritt geworden.

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Die Moderne konnte weder vollendet werden, noch ließen sich moderne Emanzipationswerte weiterhin „modern“ zielführend verwirklichen. Der postmoderne Zeitpunkt war erreicht.

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Die Postmoderne – egal wer in welchem Metier umzugehen hatte – musste sich an der massenmedial alles Überlagernden modernen Textualität vorbei neu den menschlichen Qualitäten, den Phänomenen als Quelle außersprachlicher Sachverhalte einer postmodernen NEUEN SINNLICHKEIT zuwenden.

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Und jetzt zusätzlich – die IT-Revolution.

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Wir erleben inzwischen als weiteren Riesenschritt in der Kulturgeschichte die IT-Revolution und die herrschaftspolitisch erzwungene Massenverblödung, nämlich beliebiges neues Konsumdesign und billige Verhaltenserleichterungen jeweils in der großen Zahl (Konsumenten-Majorität) unbedenklich politisch anzunehmen. Außersprachliche Bedeutungen und Qualitätskausalitäten werden in dieser hastigen Lebensweise mangels Bildung, Kenntnissen und Urteilskraft sowie der Majorisierung durch Oberflächlichkeits-Kollektive durchgesetzt.

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Fassungslos erleben wir, wie die MODERNE DER BESCHLEUNIGUNG politisch fortgesetzt wird, alle Lebensbereiche durchzieht. Selbst bei minderwertiger Ernährung oder qualitätsloser Musikeinfalt verweigern sich die Konsumenten nicht. Und sie kaufen freiwillig sogenannte Schokolade, die zu 70 Prozent aus Zucker, 25 Prozent aus Fett, Salz. Soja-Lecithin und einem zum Behufe der Schoko-Bräune, einen Restanteil genmanipulierten Kakaos enthält, nicht zuletzt weil diese Süßtafeln total billig sind und man richtige, wertvolle Schokolade gar nicht kennt.

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Wir sollten uns als intelligente Sozialwesen in der arbeitsteiligen Lebensweise den Fragen der Qualität alter Sinnlichkeit widmen. Wir sollten angesichts der Abkopplung und Deprivierung in einer Erwerbslebensweise der Absatzmaximierung, Wert auf Textwissenschaft legen, die Textmacht als Konstitutiv des Konsums in allen Gegenstandsbereichen und der Sinnlichkeit von Dingen, Material und Kunstwerken wiederentdecken, sodass in allen Lebensfeldern „Neue Sinnlichkeit“ aufgespürt und gefordert wird. Es ist weder Nostalgie noch Rückfall, dass vormoderne Qualitäten als postmoderne Qualitätskriterien auf den menschlichen Körper, sein Tempo, seine Zeit-Raumbeziehungen sinnlichkeitspolitisch akzentuiert und durchgesetzt werden und dass Verantwortungsflucht durch Fernfuchtelei und „Schweigespirale“ geächtet werden sollten, sodass daraus ein lohnender Anknüpfungspunkt für eine postmoderne Wende in der Aufklärungsgeschichte werden kann.

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Ohne Zweifel ruft deshalb diese hier exponierte Meta-Textwissenschaft nach einer empirischen Soziologie in allen Feldern unseres heutigen Lebens.

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Wir müssen herausfinden, wie sich der Gebrauch bzw. der Missbrauch der Textkunst in der Textkunstwirtschaft und der Textkunstforschung auf die schiefe Ebene der Pervertierung unserer menschlichen Wertsetzungen hat führen lassen? Diese Soziologie muss tun, was keine andere Wissenschaft kann, keine Kommunikationswissenschaft oder Geschichtswissenschaft, keine Linguistik und keine Politologie. Von Mensch zu Mensch ist die systematische, detailierte, empirische Mikro-Soziologie zuständig. Kommunizierende Menschen und Menschenmengen, Menschen und Menschenmassen und deren Interaktionen, Interdependenzen, massenmedial geführten und irritierten Kollektive nachzugehen, welche Medien, welche Abhängigkeiten, welche Veränderlichkeiten, Aktionsrichtungen und Handlungsdynamiken in der alltäglichen Textualität wirklich etabliert und gebräuchlich machen, ist gefragt. Es wird eine positivistische methodisch-naturwissenschaftliche Soziologe sein müssen, die die postmoderne Höhe der Neuen Sinnlichkeit und weiteren Hypothesen über Kants vierte Frage:

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Wie hagiografiesüchtig, wie idolisierend, wie korrupt und scheinheilig, wie bräsig und unzuverlässig, kurz: „Wie und was ist der Mensch?“ – lautet Kants vierte Frage. Kant war sehr klug und nüchtern, er meinte, „Dichtkunst ist ein Spiel der Sinnlichkeit, durch den Verstand geordnet; Beredsamkeit ein Geschäft des Verstandes durch Sinnlichkeit belebt“. Kants ersten drei Fragen lauten: Was kann ich wissen? – Was soll ich tun? – Was darf ich hoffen?“ Auch, wenn die Mehrzahl unserer Zeitgenossen glauben, es sei allgemeine so üblich und akzeptiert, mehr die Fragen, „Was wünsche ich mir?“, „Was geht mich das an?“

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Diese Text-Soziologie muss sich folglich von anthrologischen Tatsachen-Feststellungen zu vielseitigen sozialen Wandel-Kollektive vorarbeiten, analysieren und interpretieren.

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Ich muss nicht betonen, wie schwer für mich der Verlust wichtiger Freunde durch Tod und schwere Krankheiten ist, wenn ich die Text, Textualität und Textwissenschaft-Bedenken als Aufgabenstellung für die empirische Soziologie diskutieren möchte. Alphons Silbermann starb im Alter, vor 16 Jahren. Meine Freunde, der Maler Fokko von Velde, hatte Schlaganfälle zum Alkohol, Franz Otto Kopp, Konstrukteur und Maler, sitzt beim Uhu infolge letaler Darmschmerzen, Job Crogier, der Filmer und Maler ging mit letaler Kehlkopf- und Lungenverderbnis über den Fluss – wir waren mal 7 OPQ, am Raschplatz „U“ benannt, mit „Büro“ an der Piazza Navona. Im Juni 2016 starb mein Freund Ladislav Kupkovic, der Komponist.

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Nicht zuletzt dem Hannoveraner Sachsen Leibniz, dem die lustigen Hannoveraner nicht den Camouflage-Spree-Amorphling, genannt „Schloss“, widmen. Stattdessen macht man mit dem subal-ternen Alexander Humboldt herum. LEIBNIZ starb vor 300 Jahren, am 14. November.

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Konstruieren? Ich lese Dekonstruieren. Wikipedia bringt „Konstruieren“ als mechanisch technisches Zielhandeln und dann „Konstruieren (Grammatik)“ – soll aber ebenfalls strukturales Sprachbauen bedeuten. Ich bin entsetzt, zu lesen, wie Hamed Abdel-Samad den KORAN untersucht hat, zu verschiedenen Wertrichtungen von Suren kommt, einmal als „Botschaft der Liebe“ und andererseits „Botschaft des Hasses“, für mich als Korankenner eine sehr interessante Quellenarbeit. Und dann schreibt Hamed Abdel-Samad im Klappentext:

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Das heilige Buch der Muslime erhob den Hass zur Tugend und den Krieg zum Gottesdienst. Da die entsprechenden Suren als letzte offenbart wurden, gelten sie vielen als das eigentliche Manifest Gottes. Dabei vermittelt der Koran auch Liebe, Toleranz und Mitgefühl und bietet spirituellen Halt. Hamad Abdel-Samad stellt Koranpassagen vor und kommentiert ihre Entstehung und Auslegung. Er zeigt, warum sich friedliebende Muslime ebenso wie Gotteskrieger auf den Wortlaut des Korans berufen – und warum es allen die Entscheidung der Gläubigen ist, welcher Botschaft sie folgen.“

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DMW 50.7.76 46 cm / 64,5 cm in Mailand und in Springe kopiert und gemalt, Öl auf Leinwand

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46 cm / 64,5 cm in Mailand und in Springe kopiert und gemalt, Öl auf Leinwand

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Als Künstler in der informellen Privatheit interessiere ich mich für die greifbare kleine Höchstqualität. Der staatlich zugekleisterte Kunstbetrieb im öffentlichen Getriebe lässt davon einiges übrig. Nebenher ist jeder echter Künstler der Monitor für die großen Akzente im weltweit Öffentlichen.

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Wirkliche Geltung – aber kaum Wirkung – haben meist nur die filigranen informellen Neuigkeiten. Es gibt täglich ganz neue einmalige Genies, die was Besonderes, noch nie Dagewesenes machen und damit irgendwie herauskommen. Ihre Wirkung ist pagan.

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Man wird es verstehen oder das Maul hierzu halten, wenn man keinen Zugang zu den Quellen hat. Wer sich nur auf das kulturindustriell Aufgeblasene verlassen muss, kann keine Empfindung, keine Kennerschaft, keine Erfahrung und keine Sprache für die Kunst haben können.

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Es ist ausgeschlossen, durch den Mainstream der Massenpublizistik hindurch an der Dummheit der Kulturindustrie vorbeizukommen. Was nützt es, wenn man für 50 billige EUROS einen kiloschweren Bildband über Ai Wei Wei kaufen kann, das Ei darin selbst erklärt: „Alles Zufall und – gleich unwichtig“.

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Der erfahrene Mensch, vom rasenden Zeitverlauf und den vielen Toten, die nicht länger Zeugen der guten Tage sein können, täglich neu gepisackt, zerzauselt und erstaunt erlebt seinen Lebensbogen wie etwas Befremdliches – schaut in den Spiegel, Spiegelblick muss sein – und weiß es doch.

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