Wider die postmoderne Flucht vor den Tatsachen

Lichtgeschwindigkeit 6630

Vom Freitag, 1. Juli 2016

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Die Lyrikerin Angela Hoffmann, SPD-Frau Hillu Schröder, Dietmar Moews‘ Neue Sinnlichkeit – Hannover 1986

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Noch 1980 in DIE WELT beschrieb ARMIN MOHLER als „Das weiße Engelchenhemd der Neuen Sinnlichkeit“ gepriesener Maler und Künstlergelehrter und sah, wie die Provokation des Jasagens schon Methode hat.

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Moews schrieb mit „Verirrte Kunstorganisation der Bundesrepublik Deutschland“ als  letzter Promovend von Alphons Silbermann die Schlüsselsoziologie zum alten Irrealismus. Als Blogger seit 2009 in LICHTGESCHWINDIGKEIT  – Youtube sowie WordPress „dietmarmoews“ – kritisiert Moews die neuolympische deutsche Jugend und bemerkt achselzuckend zu dem naseweisen Bonner REALISMUS-Propagandist eines „Neuen Realismus“, M. Gabriel:

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Das Ding an sich hat einen Geruch an sich“.

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Die LITERATUR & KUNST-Publikation in der NEUEN ZÜCHER ZEITUNG,

Wider die postmoderne Flucht vor den Tatsachen“ müsste zutreffender lauten:

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Für die post-postmoderne Jagd auf die Tatsachen“.

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Und wer es nicht verstanden hat, kann noch einen erläuternden Zusatz von Dietmar Moews erhalten:

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Das Ding an sich muss hin und wieder gewaschen werden, sonst hat es einen Geruch an sich“.

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Nicht zur Blendung, sondern zur Erleuchtung, im Sinne von Vorstellungsorientierung und nicht Vorstellungsdesorientierung, werden im Folgenden einige Auszüge historischer Dokumente exponiert, damit Interessentin und Interessent, Interessenten und Kontrahenten wissen, was sie beim gedruckten Wort nehmen dürfen.

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Im MANIFEST DER NEUEN SINNLICHKEIT, publiziert mit der Erstausgabe der Blätter für Kunst und Kultur Neue Sinnlichkeit 0, im November 1979 am Ballhof in Hannover, von dem Maler und Gelehrten Dietmar Moews heißt es:

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Die Neue Sinnlichkeit … ist die grundsätzliche und totale Absage an die Moderne, sie erhebt die folgenden Ansprüche:

1. …tagespolitischen, zufälligen, naiven … individualistischen Werten als Ursache für die Sinnesüberreizung der Menschen unserer Tage…

9. Die Kunst der „Neuen Sinnlichkeit“ soll durch positive Einsetzung von positiven Mitteln wirken

16. … Schlechtes verbessern oder vereiteln.

Aufklärung zu mehr Demokratie führt und mehr Lebensqualität durch Sensibilisierung der menschlichen Sinne und deren Befriedígung erfolgen kann…. ich biete hiermit meine Neue Sinnlichkeit der Öffentlichkeit an.“

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Es folgte in der Ausgabe Neue Sinnlichkeit 50, 1996 in Magdeburg herausgegeben eine Ausdifferenzierung des MANIFEST DER NEUEN SINNLICHKEIT.

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Die Neue Sinnlichkeit rekapituliert die Moderne, die unvollendet zur Postmoderne gemacht wurde, und bestreitet das „Anything goes“ und den Relativismus der idealistischen marx-hegelierenden Weltveränderung im Geiste Nietzsches: AMOR FATI – Umarme das Schicksal.

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Sein Schicksal kann der Mensch umarmen, wenn er es erkennt:

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Dietmar Moews‘ Schulsatz der Neuen Sinnlichkeit lautet deshalb immer wieder positiv:

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Es regnet, ich werde nass“.

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Maurizio Ferraris 2011

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Und nun kam im Jahr 2012 aus Italien der Autor MAURIZIO FERRARIS mit dem MANIFEST DES NEUEN REALISMUS („Manifesto del nuovo realismo).

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Und nun kam auf seinem Surfbrett, der Glücksreiter M. Gabriel mit dem von FERRARIS abgezogenen Neuen Realismus.

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Es muss der seriösen Wissenschaft der Jungwissenschaftler einen geltenden Forschungsstand widmen können

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M. Gabriel kennt zu wenig Sinnlichkeit, Leibphilosophie, Husserls Phänomenologie, Hermann Schmitz usw.

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Und jetzt hieß es also in der NZZ vom 18. Juni 2016, Seite 27, ganzseitig von MARKUS GABRIEL:

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Wider die postmoderne Flucht vor den Tatsachen. Warum der Neue Realismus nötig und warum er nicht naiv ist.“

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Dieser NZZ-Text von M. Gabriel des Juni 2016 liest sich wie die Neue Sinnlichkeit in bisher 67 Ausgaben seit 1979 und beginnt so:

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Der Neue Realismus ist eine der wenigen philosophischen Strömungen, die – mit einem ironischen Zwinkern – in der Form eines expliziten und dokumentierten Gründungsaktes ausgerufen worden sind. Ort: das Restaurant „Il Vinacciolo“ in Neapel, Datum: 23. Juni 2011, ungefähr 13 Uhr 30. Damit feiert der Neue Realismus dieser Tage seinen fünften Geburtstag. Das mag Anlass zu einer Bestandsaufnahme sein. Rufen wir uns die Angelegenheit noch einmal in Erinnerung, die zur Debatte steht. …“

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MARKUS GABRIEL, der als Wissenschaftler schreibt, versäumt eine elementare wissenschaftliche Voraussetzung jeder DEBATTE:

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Den Stand der FORSCHUNG. Er kennt beim Mittagessen von 2011 nicht die Neue Sinnlichkeit in allen Ausfaltungen in loser Folge seit 1979 bis 2016. Gabriel argumentiert in der NZZ redundant:

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… Der Neue Realismus nimmt an, dass es objektive sowie subjektive Tatsachen gibt, die wir erkennen können. Viele dieser Tatsachen sind davon unabhängig, dass wir Überzeugungen dazu haben. Das isr Realismus. Neu ist dabei, dass nicht mehr angenommen wird, diese Tatsachen gehörten insgesamt zu genau einer Wirklichkeit, der Welt im allumfassenden Sinn dessen, was es überhaupt gibt. Vielmehr sind die Tatsachen in sich vielfältig: Es gibt soziale, mathematische, moralische, physikalische, juristische, historische Tatsachen …“

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Der Debatte und Erleuchtung halber habe ich in Neue Sinnlichkeit 65, im November 2014, erschienen in Köln, auf das MANIFESTO del nuovo realismo und auf den „Neuen Realismus“ von M. Gabriel geantwortet:

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OLYMPUS DIGITAL CAMERA, gemalt von Dietmar Moews, Öl auf Leinwand 2003 in Dresden

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Dietmar Moews meint: Als ich die ersten „Erfolgsmeldungen von MAURIZIO FERRARIS las und später die sprudelköpfigen Nietzsche-Verhunzungen, von MARKUS GABRIEL als Jungprofessor fürs WDR-Mittagsmagazin, unter dem Lable: NEUER REALISMUS, antwortete ich, ohne vernünftige Debattenantwort bis heute.

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Es scheint, als sei dem Augenzwinkerer M. Gabriel der Ringelnatz ins weiße Engelchenhemd geraten:

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Neuer Realismus – Sinnlichkeit mal neu?“ (Dietmar Moews 2013, S. 34 -51)

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Neuer Realismus – Sinnlichkeit mal neu?

(dm) Im Jahr 2007 hatte ein Schüler aus Salzburg den Begriff Neue Sinnlichkeit angeblich vom Begriff Neue Sachlichkeit her bezogen. Der Schüler verbreitet im Internetz über seine Hochschule, er habe den Begriff „erfunden“ und geprägt: Dieser Schüler hat angeblich von der seit 1979 weltweit publizierten Neuen Sinnlichkeit nichts nachgelesen. Und nun kommt mittlerweile ein junger Philosoph, Professor der Bonner Universität, mit seiner Oberflächlichkeit, als Kunde hinzu.

Deshalb eine Probe aus dessen heischigen Buch “WARUM ES DIE WELT NICHT GIBT” von Markus Gabriel, bei Ullstein 2013. Da behauptet der Autor doch tatsächlich – selbstbeflügelt, mit einer im Klappentext aufgestellten Selbstetikettierung: “Markus Gabriel ist ein spekulatives Wunderkind” – zunächst zum Selberdenken, anschließend zum Nachdenken.

Mit diesem Doktor Gabriel haben sich Universität und Staat den Mob angeschafft. Der Ullstein Verlag hat das Patronat übernommen. Es ist ein Skandal.

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Gabriel macht es so: „Nietzsche? – „Ein großer Teil der in diesem Zitat enthaltenen Aussagen sind falsch..“ Kant?- „dass die Welt ein regulativer Begriff ist… wobei wir schon wissen, dass dieses ein falscher Weltbegriff ist“, Wittgenstein? – „…dies ist ein ziemlich offensichtlicher und übler Widerspruch..“ Heidegger? – „die Welt ist der Bereich aller Bereiche“ usw. “Wir wissen aber bereits mehr als Wittgenstein, da wir bereits wissen, dass es nicht nur Dinge, Gegenstände und Tatsachen, sondern auch noch Gegenstandsbereiche gibt.“

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Nun ist aber, wie man bei einfachem Googeln findet, oder wie ich in jenem Buch nachlas: Herr Doktor Gabriel nur ein Surfer auf Maurizio Ferraris: Manifest des neuen Realismus.

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In knapper Vorstellung hier einige Darlegungen zur Neuen Sinnlichkeit unter dem farbigen Glas des “Neuen Realismus”. Das ist möglich. Der Leser bekommt eine Probe, wie wenig dieser neue „Neue Realismus bieten kann oder anknüpft. Und was er taugt. Denn Ferraris und Gabriel sind platt.

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Das liebe ich:

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Kurz und knackig: Im Jahr 2012 erschien das MANIFESTO DEL NUOVO REALISMO des Turiner Professors für Philosophie, Maurizio Ferraris. Diverse akademische Insider-Klüngeleien waren vorangegangen. Der deutsche Titel erschien im Jahr 2014 bei Klostermann – es heißt “Manifest des neuen Realismus”.

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Da nun Ferraris und Gabriel im Jahr 2012 mit Denkansätzen der NEUEN SINNLICHKEIT herausgeplatzt sind, dabei nicht ausreichend Federlesen machen, finde ich das schon mindestens so ehrenrührig, wie den früheren Hafenmeister und schließlich Staatssekretär im Hannoverschen Landwirtschaftsministerium, Hansen. Hansen bekam jetzt auf der Mole am Hafen von Insel Norderney sein Namensschild aufgestellt „Hansen-Damm“. Verdienst gemäß müsste das “Moews-Damm“ heißen.

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Dietmar Moews hatte den alten Hafen untersucht, den neuen entworfen und konzipiert – der wurde von 1974 bis 1977 von der Hafenbauverwaltung und vom eigenen Bauhof Hafen Insel Norderney Stück für Stück so gebaut, wie er heute ist. Ohne Moews stünde das Hansenschild jetzt direkt im Wasser, weil die Mole einer Untersuchung und Planung aus 1972 von Moews entsprungen ist, die ohne Moews nicht da wäre, ohne Hansen schon.

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Nun also die Neue Sinnlichkeit im Manifest des neuen Realismus von Maurizio Ferraris und die Quirlkacke von Markus Gabriel, “Warum es die Welt nicht gibt“ – so ist heute Staats-Philosophie:

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Noch eine Vorbemerkung:

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Maurizio Ferraris macht, was unredliche Philosophie- und Modeschreiber machen, Ferraris zitiert aus Nietzsches Exzerpten und Notizen, als seien das Werke. Ferraris zitiert aus Varianten des „Wille zur Macht“, die vollkommen von Nietzsche zu seinen Lebzeiten verworfen worden sind und interpretiert Friedrich Nietzsche eigenmächtig. Sowas geht gar nicht. Nur, aus Hochstapelei und Name-Dropping oder mangels Nietzsche-Kenntnis bedient Ferraris sich bei Nietzsches umfangreichen nachgelassenen Notizen. Noch schlimmer ist, dass er sich am sogenannten „Wille zur Macht“ vergreift. “Wille zur Macht”, auch mit zahlreichen anderen Titeln angezeigt, ist Bestandteil der „Kritischen Studienausgabe Friedrich Nietzsche“ De Gruyter / DTV. Aber “Wille zur Macht”, als Nietzsche-Denken bezeichnet, ist immer vollkommen Mist. Denn es handelt sich um ein von Nietzsche selbst ausdrücklich abgebrochenes und vollkommen verworfenes Gedankenkonzept einer „Umwertung“, an die Nietzsche ab 1887 nicht mehr glaubte. Man darf nicht unberufen fälschend aus den Notizen herauslügen. Man muss den Missbrauch der Elisabeth Förster-Nietzsche, die den „Wille“ nach Nietzsches Verschwinden neu angetäuscht hat, übergehen und im Sinne Nietzsches weglassen. (Eine eigene Philosophie der Elisabeth Förster-Nietzsche gibt es nicht – sie war alltagsreaktionär – und war Rudolf Steiner geimpft). Das liest sich aus Sicht ihres Bruders, Friedrich Nietzsche so – und das sollte man schon kennen:

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Die Behandlung, die ich von Seiten meiner Mutter und meiner Schwester erfahre, bis auf diesen Augenblick, flößt mir ein unsägliches Grauen ein. Hier arbeitet eine vollkommene Höllenmaschine mit unfehlbarer Sicherheit über den Augenblick, wo man mich blutig verwunden kann in meinen höchsten Augenblicken. Denn da fehlt mir jede Kraft, sich gegen giftiges Gewürm zu wehren.“

Nietzsche hat eben nur eine kleine Anzahl Bücher, die letzter Hand gelten sollen. Nietzsche musste alle diese Werke auf eigene private Kasse publizieren. Er ließ Kleinauflagen machen, die er persönlich im Direktversand an ausgewählte Leute verteilte – eigene Werke. Während die nachgelassenen, stets so genannten, Fragmente Nietzsches ausdrücklich und zweifellos Aufzeichnungen, Merk-Notate und Dissidenz-Ansätze zu Überlegungen sind, die Nietzsche sich handschriftlich notierte, die aber überhaupt nicht immer seine Texte waren oder auch nicht seine Auffassungen oder seine Meinungen ausdrückten. Nietzsche exzerpierte einfach Vieles mögliche, was er interessant fand. Auch wenn es das Gegenteil aussagte, von dem, was Nietzsche für richtig oder gültig hielt.

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So wissen wir heute aus der Nietzsche-Philologie, dass Nietzsche die bunten Blätter, Digests und Illustrierten seiner Zeit eifrig nutzte und daraus Themen der Zeit, Moden und Querverweise einfach abschrieb, übernahm, die er keineswegs aus eigenem Erlebnis oder Primärlektüre kannte (Nietzsche konnte wegen seiner Augenschwäche, ja Fastblindheit, nur mit allergrößter Anstrengung lesen und las deswegen wenig).

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Aber Quellenlügen, Zitate, wie jetzt im “Neuen Realismus” bei Maurizio Ferraris, wie heute sehr häufig aus Nietzsches „Nachgelassenen Schriften“ herausgeplündert werden, erspitzfindeln Heteronomien, und das ist schwachsinnig.

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Man sollte mit Bezug zu Nietzsche nur geltende Philosopheme zitieren. Und das gilt ausdrücklich für die „Umwertung aller Werte: Der „Wille zur Macht“. Es war als vierteiliges Hauptwerk entworfen, jahrelang gequält und Nietzsche gab es deshalb auf, weil er den Denkansatz für falsch erkannte. Es gibt keinen Wille zur Macht von Nietzsche! – So kann es jeder, der Nietzsche studiert, erkennen und unausweichlich ebenso erkennen wie Nietzsche, der in seinem letzten Schaffensjahr 1888 ausgiebig Auskunft darüber gibt: Was von den Ausarbeitungen vormals zum Hauptwerk das Schlusskapitel hätte bilden sollen – was bleiben sollte – war der „Antichrist“, Nietzsches „Gott ist tot-Schrift“. Der “Antichrist” war als einziger Teil, nämlich Teil Vier, des „Wille zur Macht“ abgeschlossen und vollendet noch zum Druck bestimmt worden: “Antichrist”, aber nicht mehr als Teil einer Umwertung oder eines „Wille zur Macht“.

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Ein Beispiel aus „Warum es die Welt nicht gibt“, von Markus Gabriel, der großzügig die Quelle seines Zitates angibt (S. 258, 12 Friedrich Nietzsche, Nachgelassene Fragmente 1885-1887, in: Kritische Studienausgabe, Bd. 12, 7 (60), S. 315.)

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Sofort ist deutlich, wie dünn der Autor nur Bescheid weiß – er hat da was abgeschrieben und schreibt auch noch „berühmte Aussage Nietzsches“. Aber Gabriel hat die „Kritische Ausgabe“ nicht gelesen und nicht die Annotationen der Herausgeber Colli und Montinari gelesen. Auch Ecce Homo (1888), wo Nietzsche es selbst noch einmal erklärt, nicht gelesen: Dass „Wille zur Macht“, „Umwertung aller Werte“ usw. ein vollkommen verworfenes Gedankenfragment ist: „Umwertung“ gilt nicht.

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Gabriel zitiert also (S. 55): „dass alle Gegenstandsbereiche nur menschliche Projektionen, nützliche Einteilungen einer im Übrigen von unserer Erkenntnis weitgehend unabhängigen, homogenen Wirklichkeit sind … Dies verbirgt sich auch hinter einer berühmten Aussage Nietzsches: „Nein, gerade Tatsachen gibt es nicht, nur Interpretationen. Wir können kein Faktum „an sich“ feststellen: vielleicht ist es ein Unsinn, so etwas zu wollen. Es ist alles subjektiv“, sagt ihr: aber schon das ist Auslegung, das „Subjekt“ ist nichts Gegebenes, sondern etwas Hinzu-Erdichtetes, Dahinter-Gestecktes.““

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Dieses Zitat ist eine Sinnfälschung Nietzsches Philosophie, quasi „üble Nachrede“. Schließlich geht es Nietzsche um eine anthropologisch-psychologische Erörterung zum „Subjekt“ und zur menschlichen Unkonstanz und nicht um Phänomenologie.

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Dümmlich ist dann aber, hier ungekürzt, wie Gabriel fortfährt (S. 56): „Ein großer Teil der in diesem Zitat enthaltenen Aussagen ist falsch, wobei Nietzsche einen Gedankengang ausdrückt, der heute in allen Wissenschaften prominente Vertreter hat.“

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Gabriel unterstellt Nietzsche eine Aussage, die Gabriel selbst insinuiert, weist sie dann ohne Argumentation zurück – schließlich hängt er seine eigene Schwachmatik weiteren anderen Wissenschaftlern an, „prominente Vertreter“, bleibt wiederum jegliche Argumente oder Quellenangaben schuldig.

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Und es muss auch gefragt werden:

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Welche Qualitätsarbeit haben hier Lektor und Ullstein-Verlag nicht erbracht? Rechnet sich sowas?

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Etwas anders liegt es bei Ferraris Zusammenfassung einer Gruppenarbeit: „Neuer Realismus“

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Wohl darf jeder alles sagen und fühlen und drucken lassen, was ihm einfällt – und wenn man es dann liest, hat das Geschriebene Folgen oder nicht. Auch Maurizio Ferraris vergreift sich an Nietzsches „Nachlass-Notizen“. (Teils wird darüber nur diskutiert und Alles bleibt bei alten Missverständnissen, die einfach schlampig entstehen).

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Ferraris Manifest, in Kürze, erklärt er selbst:

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Ferraris habe eine Anfrage erhalten zu einer Überschrift zum Thema einer Konferenz für „zeitgenössische Philosophie“: New Realism“. Ferraris schreibt, er dachte dabei an eine Pendelbewegung des Denkens im zurückliegenden Jahrhundert von Antirealismus, Hermeneutik, Postmodernismus, sprachliche Wende, Dekonstruktivismus. Und er war überzeugt, dass am Anfang des neuen Jahrhunderts Ausprägungen von Ontologie, Kognitionswissenschaften, Ästhetik und Wahrnehmungstheorie bearbeitet werden.

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Ferraris trifft damit durchaus Kernaussagen der Neuen Sinnlichkeit. Ferraris kommt ebenfalls zu dem Kern der Kritik von Dietmar Moews an all den Dekonstruktivisten und Relativisten. Ferraris lehnt die Relativisten als faul und Wahrheitsverleugner ab. Ferraris kommt aber zu löchrigen Vorstellungen:

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Sein Manifest wende sich gegen zwei Bewegungen:

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Das postmoderne Denken und den Kult der Ironisierung. Gemeint sind der postmoderne Universalverdacht gegen das Denken als Fälschung und die Diskreditierung des Wertes der Wirklichkeit – Ferraris wendet sich gegen einen Konstruktivismus, der behauptet, die Welt in der Begriffsarbeit seiner Beobachter hervorbringen zu können.

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Kurz hierzu von Dietmar Moews gesagt:

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Ich streite gegen die Relativisten / Dekonstrukturierer, ich kämpfe dagegen, dass das stalinistische Motto: „Die Partei hat immer Recht“ und der schwachmatische Mc Luhan: The medium is the message, politische Methode sein darf. Ich meine, dem darf kein Philosoph zustimmen. Denn damit geht es um das offene Tragwerk von Philosophie und Lebensdienlichkeit. Während, wo es weitgehend nur noch um Geld geht, hat die philosophische Debatte um Macht oder Wahrheit zu gehen. Es ist der postmoderne Angriff auf die Wirklichkeit im Medium der Entdifferenzierung von Sein und Wissen.

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Zugegeben, Ferraris (der Übersetzer) schreibt ganz schmissig: „Idealismus und Aufklärung wurden durch English, Internetz und Unternehmen abgelöst. Der Trugschluss „Wissen – Macht“ wird von und durch Macht durchgesetzt. Selbst das neue Wissen über Macht wird von der Macht gebeugt.“

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Aber der Neue Realismus des Ferraris möchte mit Kant die Verleumdung der Wahrheit unter den Kategorien des Denkens zurückweisen, indem der zutreffend sagt:

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Irrend lernt man oder andere lernen (ja, wie lernt man?

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Unter Einsicht in Wahrheitswissen, gemäß Dietmar Moews:

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Es regnet, ich werde naß – die sinnliche Erkenntnis der Neuen Sinnlichkeit – versteht jeder.

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Die Wahrheit zu verabschieden, ist nicht nur ein Geschenk ohne Gegenleistung, das man der „Macht“ macht, sondern vor allem der Widerruf der einzigen Chance auf Emanzipation, die sich der Menschheit bietet: Des Realismus gegen Illusion und Zauberei.

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Dietmar Moews meint: In der Neuen Sinnlichkeit wird auf Kant und die Kritik der Urteilskraft und auf Kants Aufkärungspostulate hingewiesen. Was bei Ferraris Manifest des neuen Realismus einfach blöd erscheint, ist das Unverständnis bzw. das Missverständnis mit Nietzsche. Ferraris glaubt, Nietzsche als Anti-These in seiner Argumentation verstehen und nutzen zu dürfen, indem er zitiert: Nietzsche habe die Wahrheit nur als Wirkung der Macht gesehen und will deshalb die Aufklärung delegitimieren, für die das Wissen und die Wahrheit Vehikel der Emanzipation waren, Instrumente der Gegenmacht und der Tugend. Irrtümlich meint Ferraris, für Nietzsche sei geltende Erkenntnis, dass die Wahrheit ihren Posten für die Illusion und die Entfaltung der Macht räumen muss.

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Wer hier überhaupt in eigenes Mitdenken und Denken gelangt, wird es aufblitzen sehen:

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Nietzsche darf und kann nicht für eine Philosophie der „Es gibt keine Wahrheit“ als Zeuge angerufen werden.

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Nun bringen aber weder Ferraris noch Gabriel überhaupt eigene Argumente für diese stalinistische Schussel-Postmoderne – so muss man sagen:

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Was es mit diesem Neuen Realismus des Ferraris auf sich hat, ist:

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SPRUDELKOPFEREI.

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Ich weise auf die Neue Sinnlichkeit und zwangsläufig darauf, gefälligst Nietzsche nachzulesen, wenn es um Nietzsches letzte geltende Erkenntnis geht:

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Da handelt Nietzsche von den Widrigkeiten des Lebens überhaupt und im konkreten Menschengemachten, Sozialen, Sexuellen, Religiösen usw. und Nietzsches antwortet:

Der Mensch wird durch die Kunst der Lüge Herr über den Stoff. Nietzsche als Herr über Lüge und Stoff kommt zur Wahrheit – aber doch nicht zur Willkürswahrheit. Möglich dass dieses Denken nicht jedem aufgeht.

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Es ist Nietzsches „Felix Mendel“, wonach es um Wahrheit als Kunst der Lüge geht:

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Diese Wahrheit ist wahr und ist die Macht über die Macht: Der zarte, harte Nietzsche.

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Aber um die Absprachen von Macht und Wissen aufzudecken, wiederum, brauchen wir das Wissen und die Wahrheit als emanzipatorisches Urteilswissen. Daran aber gebricht es nun dem Ferraris-Trailer Gabriel mit seinem Witzebuch, das als Philosophie eines Philosophieprofessors des deutschen Universitätsgeschehens (Universität Bonn) frech herauskommt.

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Ich kommentiere den Anschluss an Ferraris im Folgenden mit Textproben aus Markus Gabriel „Warum es die Welt nicht gibt“, eine Probe des Kritisierten aus dessen geschwätzigen Buch, bei ullstein 2013.

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Im Klappentext wird herausstellt, was man im Buch gar nicht finden kann. In stets folgenlosen Schlussfolgerungen oder in sinnlos angehäuften Zwischenfazits schreibt Gabriel:

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… Unsere Sinne sind nämlich gar nicht subjektiv. Sie stecken nicht unter oder auf unserer Haut, sondern sie sind objektive Strukturen, in denen wir uns vorfinden. …”

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In seinem Buch behauptet Markus Gabriel, dass es die Welt nicht gibt. Es gibt sie wohl nicht, wie er mit dem Wort „Welt“ in seinem Buch umspringt – denn er definiert „Welt“ nicht. Gabriel kommt zu seinen Weltorientierungsanmerkungen, die keine neue Realität darlegen oder aufzeigen, sondern eben klingeln, so:

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(Seite 25: „…Die Fragen selbst sind naiv. Es sind nicht selten Kinder, die sie stellen – und hoffentlich nie damit aufhören werden. Die ersten beiden philosophischen Fragen … haben mich niemals losgelassen. Einmal ist mir ein Regentropfen ins Auge gefallen, und ich habe eine Laterne dadurch doppelt gesehen. Also stellte ich mir die Frage, ob da nun eigentlich nur eine oder zwei Laternen seien. … Die andere Frage … dass die Zeit vergeht und dass ich mit dem Wort „jetzt“ völlig verschiedene Situationen bezeichnete. In diesem Augenblick bin ich wohl auf den Gedanken gekommen, dass es die Welt nicht gibt, wobei ich gut zwanzig Jahre benötigt habe, um diesen Gedanken zu durchdringen … Mittlerweile lehre ich seit einigen Jahren das Fach Philosophie an verschiedenen Universitäten…“

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Wir sehen: Die Fragen sind keine Fragen – Gabriel kommt gut ohne Fragezeichen aus.

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Wir sehen auch, dass der Autor zwar etwas gegen Ironie hat, aber den Titel seines Buches „Warum es die Welt nicht gibt“ ständig erwähnt (denn sonst wüsste man nicht, was diese Jugendgeschichte des Henri Jung-Stilling hier soll).

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Gabriel, vom Ullstein-Verlag, kommt zwingend zu Unsinn und Widersinn, wenn er seine Begriffe nicht klären kann. Mal heißt es „Welt“, dann heißt es „das Ganze“, die Gesamtheit“ auch „ein Universum“ wird verwendet. Immer sucht der Autor den bekannten Forschungsstand der Philosophie zu ignorieren, weil der ihm unbekannt ist. Was hier keinen Sinn ergeben kann ist, dass er Pseudo-Totalitätsbegriffe wählt – Welt, Ganzes, Universum – dann aber willkürlich behauptet, solche Vorstellungsbegriffe hätten Grenzen, also auch ein Außerhalb. Es gäbe etwas außerhalb und dann mal „All inclusiv“ willkürlich nicht. Auch wenn der Autor die Begriffe „Physik“ und „Metaphysik“ erwähnt, kennt er „Metaphysik“ nicht. Irreführend setzt er „Gedanken“ als Funktion der Physik. Daraus macht er dann „Materialismus“ sowie „Physikalismus“, bringt aber auch damit keinerlei Orientierungsertrag.

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Der seinem Thema nicht gewachsene Autor Gabriel wendet sich an ungeklärte Denkkonsumenten, wie er selbst einer ist. Leser werden mit Nonsense abgefunden. Doch ohne Verständnis für Heuristik, für einfache Methoden der Erkenntnis und Verifizierung, fehlen bei Gabriel Abgrenzungen für lebenswichtige Alltagswahrheiten, zur Unterscheidung von „Wahrheit“, „Unwahrheit“, „Lüge“ „Täuschung“, “Irrtum“, „Illusion“ oder – um mal seine unsinnige Diktion von „Nietzsche ist falsch“ anzubinden:

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Welche Wahrheitssuche haben wir denn hier, wenn es einem „Weltnegierer“ am Vorstellungsvermögen für „Totalität“ gebricht. Kant hatte hierzu „Ding“ und „Ding an sich“ als klare Vorstellungskategorien entfaltet. Die Leser von Gabriel erfahren das nicht.

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S. 32, Schlusssatz von Kapitel „Was ist das eigentlich, die Welt? (Anm. DM: ein Fragezeichen!)

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„… wenn alles Wissen in eine Art tiefes Nichtwissen eingehüllt zu sein scheint, warum vertrauen wir dann überhaupt noch auf die Wirklichkeit, wie sie uns erscheint, auf die Welt, in der wir zu leben scheinen?“

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Gabriel beschließt ein wirres Kapitel mit einem Fragezeichen? – ohne sich seiner Frage zu stellen, aber auch ohne irgendeine Antwort oder Schlussfolgerung oder Hypothese zu seiner Frage.

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Ullstein-Autor Gabriel bastelt unausgeführte Behauptungen, wie „Kants ..Konstruktivismus .. hat behauptet, dass wir die Welt, wie sie an sich ist, nicht erkennen können .. dass es einen Unterschied gibt zwischen den Dingen, wie sie uns erscheinen, und den Dingen, wie sie wirklich sind.“ aneinander. Darauf bezogen, aber unbeeindruckt behauptet er vollkommen ohne Argumentation: – „Der Neue Realismus geht vielmehr davon aus, dass wir die Welt so erkennen, wie sie an sich ist..“ Hier ignoriert Gabriel Kants Definition von „Ding“ und „Ding an sich“, geht darauf aber auch überhaupt nicht ein. Wie gesagt: Die Hypothese lautet:

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Warum es die Welt nicht gibt“.

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Aber der „Neue Realismus“, der von Gabriel reklamiert wird, „geht vielmehr davon aus, dass wir die Welt so erkennen, wie sie an sich ist“.

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Oh – die Welt gibt es nicht? aber die Welt an sich erkennen wir doch? So würfelt es Seite um Seite nur Kraut und Rüben, hinkend in einfachsten Schlussfehlern, schlimmer sind die falschen Zitate, die geradezu lügenhaft-unwissenschaftlichen Zitierweisen und Quellenangaben.

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Der Ideengeschichtler Isaiah Berlin, Gegner und Verfolgter des Stalinismus, antwortete auf die Frage, was das Schlimmste sei? „Wenn ein Wissenschaftler Quellen fälscht.“

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Stattdessen zitiert Gabriel sinnloses Kino- und Videowissen – es ist leeres Stroh:

S. 248: “Die Sinne … Nicht jedes Lachen überwindet den Nihilismus, wie die Serie Louie gegen Curb Your Enthusiasm neuerdings geltend macht. In Louie geht es ähnlich wie in Seinfeld um das Leben eines New Yorker Komikers, Louis C. K. Die Serie entfaltet sich in bewusster Analogie zu Curb Your Enthusiasm, deren Autorität sie allerdings untergräbt. Larry David tritt zwar dauernd in Fettnäppfchen, indem er auf soziale Konventionen hinweist und diese – manchmal sogar erfolgreich – zu verändern versucht. Louie hingegen scheitert und landet immer wieder in der schlimmstmöglichen Situation. Er wird mehr als einmal vergewaltigt, scheitert in allen Liebesdingen gnadenlos und erlebt einen alltäglichen Horror: So trifft er ein fettes Kind, das nur rohes Fleisch isst und in seine Badewanne scheißt und verschuldet die Enthauptung eines Obdachlosen im New Yorker Straßenverkehr.

Nachdem Louie ihn von sich gestoßen hat, fällt der Obdachlose auf die Straße, wird von einem Lastwagen überrollt, und sein Haupt rollt zum Erschrecken aller Zuschauer über die Straße, was wirklich ästhetisch deutlich zu weit geht. Dies ist das Prinzip von Louis C.K.’s Humor, den entscheidenden Schritt zu weit zu gehen, womit er uns sozusagen die hässliche Fratze von Larry Davids Humor zeigt.

Natürlich könnte man eine ganze Bibliothek über den Zeitgeist in Fernsehserien zusammenschreiben. Sie als kulturindustrielle Massenunterhaltung abzutun wäre jedenfalls ein intellektuelles Verbrechen, das sich selbst der kritischste Theoretiker zweimal überlegen sollte. Man macht es sich jedenfalls entschieden zu einfach, wenn man die Serien auf ihren manipulativen Charakter reduziert und so nur die altbackene Unterscheidung zwischen U- und E-Kultur reproduziert.

An dieser Stelle geht es mir jedoch abschließend um eine andere Frage, die mit dem Erfolg der Fernsehserie und der Funktion des Fernsehens zusammenhängt, nämlich um die Frage, wie sich die Sinnfelder eigentlich zu unseren Sinnen verhalten und ob sich daraus Aufschluss über die Frage nach dem Sinn oder Unsinn unseres Lebens gewinnen lässt.

Beginnen wir dazu mit einer eigentlich offensichtlichen Bestandsaufnahme. Wir sind daran gewöhnt zu meinen, wir hätten fünf Sinne: Sehen, Hören, Tasten, Schmecken und Riechen. Andere Tiere haben auch noch andere Sinne, die wir auch vom Menschen kennen, verschieden intensiv ausgeprägt. So weit, so gut. Doch wer sagt uns eigentlich, dass wir nur fünf Sinne haben? Und was ist eigentlich ein “Sinn”? Wie schon gesagt, geht die Einteilung unseres Sinnesapparates auf die antike griechische Philosophie, insbesondere auf Aristoeles‘ Buch Über die Seele zurück. Aristoteles setzt (wie vor ihm schon Platon) das Denken den Sinnen entgegen. Seine Überlegung lautet, dass das Denken unsere verschiedenen Sinne koordiniert und auf einen einheitlichen Gegenstand bezieht. Wenn ich ein Wassereis sehe, es betaste, rieche und schmecke, sagt mir mein Denken, dass es sich bei alldem um denselben Gegenstand handelte. Doch warum sollte das Denken selbst eigentlich kein Sinn sein? Warum wird es den Sinnen (und damit tendenziell dem Leib insgesamt) entgegengesetzt?

Es ist ziemlich merkwürdig, dass wir nur wenige naturwissenschaftliche Erkenntnisse des Aristoteles heute noch gelten lassen, jedoch ausgerechnet die Grundlagen seines Buches über die Seele so verinnerlicht haben, dass wir unseren Zugang zur uns umgebenden Dingwelt immer noch wie Aristoteles interpretieren. Dabei hätte es durchaus Alternativen gegeben. Schon einige antike indische Philosophen haben das Denken oder den Geist als Sinn neben anderen Sinnen gedeutet. Und ganz alltäglich drücken wir uns manchmal so aus, jemand habe einen Sinn für Musik oder für gutes Essen.

In diesem Zusammenhang kann man einen Sinn als einen wahrheitsfähigen und damit irrtumsanfälligen Realitätszugang verstehen. Dies meinen wir ja, wenn wir das Sehen oder Riechen als einen Sinn verstehen. Wir haben Zugang zu einer Realität, der Sehwelt, der Riechwelt, und zwar so, dass wir uns auch täuschen können. Es riecht wie Hundefutter, ist aber ein schlecht gekochter Coq au Vin; es fühlt sich wie Seide an, ist aber ein Imitat.

Wie verhält sich dieses erweiterte Verständnis unserer Sinne zur Sinnfeldontologie? Die Antwort ist sowohl naheliegend als auch überraschend.

Unsere Sinne sind nämlich gar nicht subjektiv.

Sie stecken nicht unter oder auf unserer Haut, sondern sie sind objektive Strukturen in denen wir uns vorfinden. Wenn man hört, dass jemand an die Tür klopft, dann erfasst man damit eine objektive Struktur und keinen Sinneseindruck, der sich innerhalb unseres Körpers befindet. Denn man klopft ja nicht in unserem Körper, sondern an der Tür. Der Mensch ist weder in seine Schädeldecke noch in seine Seele eingeschlossen. Die gewöhnliche Sinnesphysiologie oder antike Seelenlehre, die uns leider bis heute bestimmt, behandelt uns so, als ob wir alle unter einem Locked-in-Syndrom litten, wie der Protagonist in Julian Schnabels Film Schmetterling und Taucherglocke oder in dem Antikriegsfilm-Klassiker Johnny zieht in den Krieg“. Unsere Sinne sind aber gar nicht “in unserem Kopf”, wie Hilary Putnam einmal über die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke geschrieben hat. (98)

Noch einmal: Wenn ich sehe, wie Passagiere in den Zug einsteigen, sehe ich die Passagiere und keine mentalen Repräsentationen. Mein Sehsinn muss also real sein, er kann nicht außerhalb dessen stehen, was er sieht. Dies gilt auch für unseren Orientierungssinn. Auch dieser orientiert sich mitten in der Realität, den unendlich vielen Sinnfeldern, indem er selbst ein Sinnfeld erzeugt, einen Weg durch das Unendliche. Und noch viel weiter als jeder Sehsinn reicht unser Denken, das sich mit dem Unendlichen selbst beschäftigen kann. Deswegen kombiniert das Fernsehen im Medium von Qualitätsserien auch unseren Fernsinn, das Sehen, mit unserem Denken. Wir werden mit dem Sehsinn über diesen hinausgeführt, ohne es zu merken, was es dem Fernsehen auch erlaubt, eine vielkritisierte manipulatorische Funktion auszuüben.

Alles, was wir erkennen, erkennen wir durch einen Sinn. Der Sinn ist dabei nicht innerhalb unseres Leibes, sondern genauso sehr “da draußen”, “in der Wirklichkeit” oder “in der Realität” wie Mäuse und Obstbäume. Dies bedeutet insbesondere, dass wir die Stellung unseres Fernsinns, des Sehens, auch noch einmal kritisch begutachten müssen. Denn wir stellen uns unsere Verortung in einem Weltganzen traditionell so vor, dass wir uns in einer Art riesigem Raumzeitbehälter befinden, dessen Ausmaße wir inzwischen durch Lichtverhältnisse, andere Strahlungen nichtsichtbarer Wellenlängen sowie insbesondere auch Gedankenexperimente bestimmen können. Ein Gedankenexperiment, wie die berühmten Gedankenexperimente Einsteins, besteht nicht aus bloßen mentalen Repräsentationen. Gedankenexperimente funktionieren wirklich. Wenn wir komplexe Tatsachen durch ein Gedankenexperiment entdecken, bemühen wir unseren Denksinn, der wie alle anderen Sinne auch wahrheitsfähig und irrtumsanfällig ist.

Wir bahnen uns immer einen Weg durch das Unendliche. Alles, was wir erkennen, sind Ausschnitte von Unendlichem, das selbst weder ein Ganzes ist noch als Supergegenstand existiert. Es gibt eine unendliche Sinnexplosion, an der wir teilhaben, weil sich unsere Sinne virtuell bis in den letzten Winkel des Universums und auf die Flüchtigsten Ereignisse im Mikrokosmos erstrecken. Sobald wir dies erkennen, sind wir imstande, den Gedanken, wir seien nur Ameisen im Nirgendwo, zurückzuweisen. Zwar müssen wir – jedenfalls gilt dies Noch zur Abfassung dieser Zeilen – alle sterben. Und niemand wird bezweifeln, dass es viele Übel und absurdes, unnötiges Leiden gibt. Doch wir erkennen auch, dass alles anders sein kann, als es uns erscheint, einfach deswegen, weil alles, was existiert, in unendlich vielen Sinnfeldern zugleich erscheint. Nichts ist nur so, wie wir es wahrnehmen, sondern unendlich vielmehr – ein tröstlicher Gedanke.

Das Fernsehen kann uns von der Illusion befreien, es gebe die eine, alle umfassende Welt. In einer Fernsehserie oder einem Film können wir verschiedene Perspektiven auf eine Situation entwickeln. Im Unterschied zum Theater sitzen wir nicht vor einer Bühne und müssen eine im Raum anwesende Person als Darstellung einer Figur auffassen, die nicht mit dem Schauspieler identisch ist, denn einen Film können wir auch dann sehen, wenn die darstellende Person schon nicht mehr existiert. Ein Film ist in einem radikalen Sinne eine “Show über nichts”, eine Auseinandersetzung mit der Vielfalt von Deutungsmöglichkeiten jenseits der fixen Idee, es gebe eine einzige Welt, in der alles stattfindet und die bestimmt, was real und was fiktiv ist. Die Vielzahl real existierender Perspektiven anzuerkennen ist gerade die Pointe moderner Freiheit (und der modernen Fernsehserien), die nicht auf eine unnötige Vereinheitlichung setzt.

Dass es die Welt nicht gibt, ist also insgesamt eine erfreuliche Nachricht. Denn es erlaubt uns, unsere Überlegungen mit einem befreienden Lächeln abzuschließen. Es gibt keinen Supergegenstand, dem wir ausgeliefert sind, solange wir leben, sondern wir sind in unendliche Möglichkeiten verstrickt, uns dem Unendlichen zu nähern. Denn nur auf diese Weise ist es möglich, dass es alles gibt, was es gibt.

und der Sinn des Lebens … (Anm. D. M. Kapitelüberschrift)

Die Sinnfeldontologie ist meine Antwort auf die Frage, was der “Sinn von Sein” ist, um eine berühmte Formulierung Heideggers aufzugreifen. Der Sinn von Sein, die Bedeutung des Ausdrucks “Sein” beziehungsweise “Existenz” ist der Sinn selbst. Dies zeigt sich darin, dass es die Welt nicht gibt. Die Nichtexistenz der Welt löst eine Sinnexplosion aus. Denn alles existiert nur, weil es in einem Sinnfeld erscheint. Da es kein allumfassendes Sinnfeld geben kann, gibt es unbegrenzt viele Sinnfelder. Die Sinnfelder hängen nicht insgesamt miteinander zusammen, da es die Welt sonst gäbe. Die Zusammenhänge zwischen Sinnfeldern, die wir beobachten und hervorbringen, bestehen immer nur in neuen Sinnfeldern. Wir können dem Sinn nicht entrinnen. Sinn ist sozusagen unser Schicksal, wobei dieses Schicksal nicht nur uns, sondern eben alles betrifft, was es gibt. Die Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens liegt im Sinn selbst. Dass es unendlich viel Sinn gibt, den wir erkennen und verändern können, ist schon der Sinn. Oder, um es auf den Punkt zu bringen: Der Sinn des Lebens ist das Leben, die Auseinandersetzung mit unendlichem Sinn, an der wir glücklicherweise teilnehmen dürfen. Dass wir dabei nicht immer glücklich sind, versteht sich von selbst. Dass es Unglück und unnötiges Leiden gibt, ist ebenfalls wahr und sollte der Anlass dazu sein, das Menschsein neu zu bedenken und uns moralisch zu verbessern. Vor diesem Hintergrund ist es allerdings wichtig, sich Klarheit über unsere ontologische Situation zu verschaffen, da der Mensch sich immer auch im Zusammenhang damit verändert, was er für die Grundstruktur der Wirklichkeit hält. Der nächste Schritt besteht darin, die Suche nach einer alles umfassenden Grundstruktur aufzugeben und stattdessen gemeinsam zu versuchen, die vielen bestehenden Strukturen besser, vorurteilsfreier und kreativer zu verstehen, damit wir besser beurteilen können, was bestehen bleiben soll und was wir verändern müssen. Denn nur, weil es alles gibt, bedeutet dies noch nicht, dass alles gut ist. Wir befinden uns alle gemeinsam auf einer gigantischen Expedition – von nirgendwo hier angelangt, schreiten wir gemeinsam fort ins Unendliche.”
(Vorstehend und folgend ist Zitat aus Neue Sinnlichkeit 65, publiziert im Jahr 2014)

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Vorstehend endet ungeschnitten der Schluss des Ullstein-Philosophie-Buches von Markus Gabriel, das mit dem Anspruch „Neuer Realismus“ im Anschluss an Maurizo Ferraris klingelt.

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Auf Gabriels Begriffsgeklingel mit stets folgenlosen Schlussfolgerungen schreibt Ferraris: „Der Umstand, was für ihn, Professor Markus Gabriel in Bonn, neu ist, müsste auch die philosophische Welt in Erstaunen setzen,“ führt Gabriel im Frühstücksfernsehen auf, als sei Wissenschaft Kindergarten.

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Vorher wird reklamiert: Ein Wissenschaftler muss Wissen schaffen.

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Wissen schaffen ohne den Forschungsstand seines Faches und seines Arbeitsfeldes zu kennen? Wie denn? Zwar kann kein Mensch heutzutage noch Alles kennen. Aber die Wesentlichkeiten der Philosophie, die ihre Geschichte bereits verzeichnet, dazu umfangreiche Debatten und Metakritiken dazu – die muss ein Wissenschaftler kennen und einbezogen haben, wenn er seine Gedanken publiziert und mit dem Zusatz NEU versieht.

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Was Gabriel an seinem Neuen Realismus als neu ausgibt, ist nicht mal alter Wein in neuen Schläuchen – es ist eigentlich peinlich, selbst, wo Gabriel Sinnfälligkeiten abschreibt und aufspießt. Die Bestätigung, die Markus Gabriel von wesentlichen Grundgedanken der Neuen Sinnlichkeit in seinem “Warum es die Welt nicht gibt” schreibt, welche Bedeutung unsere Kultur der Sinnlichkeit für unsere Seinsbindung hat, wurden bereits im Manifest mit der Erstausgabe im November 1979 von Dietmar Moews publiziert. Es ist unseriös und fad, wenn dieser „Neue Realist“ kaum von der sinnlichen Seinsbindung weiß. Er pickt lustig Rosinen, gerade so, wie er glaubt, ein oberflächliches Philophiestudententum ansprechen zu sollen.

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Unverfroren ist Gabriels Bezugnahme auf den Italiener Ferraris, dem „Erfinder“ dieses angeblich post-postmodernen Neuen Realismus‘.

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Zitiert aus Neue Sinnlichkeit 65, Köln 2014, ebenda zitiert nach:

Maurizio Ferraris: „Manifest des neuen Realismus“,

90 Seiten, aus dem Italienischen von Malte Osterloh, 2014 Frankfurt a. M;

Markus Gabriel: „Warum es die Welt nicht gibt“, 271 Seiten, 2013 Berlin;

Christoph Riedweg (Hrs.): „Nach der Postmoderne“ 313 Seiten, 2014 Basel;

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