Kleine Poetologie des GUNTRAM VESPER-Romans „FROHBURG“

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Vom Montag, 30. Mai 2016

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GUNTRAM VESPER 1964 als Student in Göttingen

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Der im Kriegsjahr 1941 im sächsischen Frohburg geborene und aufgewachsene Tierarztsohn, Guntram, Vesper, in einer bildungsfrohen Familienszenerie gutgläubig gebunden und gehägt, besann sich auf seine Lebensgeschichte und schrieb auf, was ihm über all die Jahre, bis in die Computerzeit 2015, unmittelbar selbst sowie durch seine Sozialpartner als die direkten und indirekten medialen Lebensgeschehnisse in den Sinn kam. Sexsinn, Augen, Ohren, Nase, Tastsinn, Geschmack, Dynamik, und bis ins Herz war ihm geschehen, was Guntram Vesper, zur Mitteilungstreue entschlossen, mit einem persönlichen Brennglas von „beachtlich oder unbeachtlich“ als Redaktions-Prüfwerkzeug seines autobiografischen sozialgebundenen Zeitfensters von beinahe 200 Jahren Umfang – eng gefasst, eine konkretisierte Sozial-Erlebnisse-Geschichten-Kollage konkreter Menschen in Kurzberichten, Klatsch und Offizialnotizen, in, aus und auf Frohburg / Sachsen bezogen des zwanzigsten Jahrhunderts – was deren Leben schön und anregend machte, was sie weitersagten oder zu vertuschen suchten, ihr ERINNERN und VERGESSEN als sozio-kultureller Weitererzähl-Potpourri von hunderten gesprächigen ZEUGEN seiner Zeit – zuerst im nachkriegsgeprägten DDR-Sachsen, südlich Leipzig, Richtung Erzgebirge, dann aus den kalten Blicken des Göttinger Weltbürgers eines schreibenden und denkenden Kleingewerblers und Weltmedien-Klienten in festem Zweierbündnis mit seiner Ehefrau Heidrun, individuell bestimmte Hauptthemen-Kreise aus seinem deutschen Sprach- und Bedeutungsspiel sinnformend. Frohburg sind wild und locker verkettelte Kurznachrichten, vielen Erzähler-Rollenspielern zur eigensinnigen Darstellung überlassen, aus dem Leben von Guntram Vesper, einer individuell freigesonnenden Moralideologie.

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Für Dietmar Moews, den Sekundär-Literaten, hier, war der junge Schriftsteller GUNTRAM VESPER – ausgehend von dessen kleinem Lyrikband von 1978 – FROHBURG (Fischer Originalausgabe; Frankfurt a. M.)- mit abgebildeten Sepia-Aquarellen von Hand des Vesper, die Extraklasse unserer Sprache, wie „KONFEKT“.

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WIKIPEDIA: GUNTRAM VESPER ist 1941 in FROHBURG geboren – Der Abiturient gab mit Freunden eine literarische Zeitschrift, PHASE, heraus, studierte bald in Gießen kurz Germanistik und Geschichte. Schon Ende des gleichen Jahres wechselte er Fächer und Ort, er ging nach Göttingen und hörte dort Medizin und vor allem Geisteswissenschaften mit den Schwerpunkten Sozialgeschichte der Industrialisierung und Geschichte der Revolutionen und Kriege im ausgehenden 18. und im 19. Jahrhundert. Nach ersten Buchveröffentlichungen, Hörspielproduktionen und Presseaufträgen entschied sich Vesper für die freiberufliche Tätigkeit als Schriftsteller…“

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Zum GELEIT der folgenden kleinen FROHBURG-POETOLOGIE von Dietmar Moews

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Diese kleine POETOLOGIE will herankommen, wie Vesper seinen ZAUBER anstellte, als er FROHBURG – die Eigenform, abfasste – so fassbar und kurz dem liebenden Auge des Kritikers, als seine Sendung an weitere Fremdleser adressiert als POETOLOGIE gelingt. Und für die liebe Leserin und den lieberen Leser voraussetzungslos, quasi in Stichworten verständlich, zum Nachlesen aufgezählt wird, was wie geschah.

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Nach Studium des kürzlich bei Schöffling & Co erschienenen großen ROMANS FROHBURG (1002 Seiten; Frankfurt a. M. 2016) war mein Fremdlesen bereits in das Selberschreiben übergegangen. Der Entschluss war klar und auch bereits als Textplan durchdacht: Eine kleine POETOLOGIE zu GUNTRAM VESPERS FROHBURG wird geschrieben.

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GUNTRAM VESPER zeichnet und aquarelliert solche Ortsansichten seiner Heimatstadt FROHBURG

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Im „FROHBURG“ nachgeschlagen vergreift ein gieriger Genussleser, für den der nennenswerte Literat erst beginnt, wenn dessen Sätze, Wort für Wort, reinstes Konfekt sind, sich völlig. Verstöße gegen die Kunstregeln sind dem Schauen und Schaffen eines echten Künstlers aber völlig unmöglich:

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Es ist verboten, zu lesen, wenn man selbst zu schreiben hat“.

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Es ist Alles wegzulassen, was man weglassen kann“.

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Und du unterbrichst aus Zwängen den eigenen Schreibstrom (Angela sagte oft: „du hast es gut, bei dir fließt es.“) und liest bei GUNTRAM VESPER im FROHBURG-Roman dessen sächsische KARL-MAY-Expertise, die lautet:

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E Groschn, enne Moak (unbestimmte) oder eene Moak (genau 1)“ – und „…in der Villa von Karl May eine geheime Anlaufstelle, eine konspirative Wohnung einzurichten“.

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Er spricht, er denkt sächsisch. Im Sächsischen sagt man eher „manchmal“, als das eigentlich erwartete „vielleicht“ (U. Johnson „Begleitumstände“). „…Im ersten Stock hatten sich das Arbeitszimmer und die Bibliothek des Exzuchthäuslers befunden, der aus eigener Vorstellungskraft nicht nur zu Old Shatterhand, sondern, im Deutschen Reich Wilhelms II. kaum zu toppen, auch noch zum Dr. May geworden war. Sein Schreibtisch, in der Frühzeit des Vielschreibers aus zweiter oder dritter Hand erworben, bei einem jüdischen Trödler in Dresden, wie er in den frühen Kolportageromanen Mays als Altwarenhändler und Pfandleiher oft genug beschrieben wird, und die Bücher, beinahe dreitausend Exemplare, mit Anmerkungen übersät, waren 1960 und 1961 von der DDR verhökert worden, an den Bamberger Karl-May-Verlag der Brüder Schmid…“

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GUNTRAM VESPER, 1970 mit Blümchenhemd und Torwart-Schlägermütze, im  sächsisch-humorlosen HO-RILKE-Kleid

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Und gleich gehts voll los – es brüllt das Reh, der Löwe schwittert, und Dr. Moews, der Diplomingenieur im See- und Hafenbau, wendet sich im Bett der Buchstabennudeln, um nicht durchzuliegen – inzwischen vor Richard Wagner in Bayreuth und eben Karl May in Radebeul den herausspringenden Sonnenplatz eines deutschsprachigen Meistschreibers, einerseits, und eines brillanten Inspirators des neuen Jahrhunderts, wie mal Goethe von Jean Paul Richter meinte.

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Wir unterscheiden Meistschreiber von Meisterschreiber:

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GUNTRAM VESPER – der Meisterschreiber des Eigenform-Romans FROHBURG muss nun als „Altmeister“ figurieren. Peter Handke, Martin Walser, John Cleese, Mick Jagger – alles Altmeister

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HAUPTTEIL der kleinen FROHBURG-POETOLOGIE von Dietmar Moews:

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Im Klappentext von FROHBURG teilt der Schöffling-Reisevertreter dem neugierigen Buchladen-Besucher mit:

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FROHBURG ist ohne Zweifel das opus magnum von Guntram Vesper, zugleich für den Autor der Ausgangspunkt von allen: Der Ort seiner Geburt 1941, Jugend, Aufwachsen und Erwachsen, die Flucht der Familie 1957, das umliegende Land die Folie der Geschichtsbetrachtung einer deutschen Epoche … deutschen Lebens im zwanzigsten Jahrhundert; ein gewaltiges Prosawerk, das neben die großen Bücher … ein Füllhorn der Geschichten, zumeist aus dem eigenen Erleben grundiert, eine große autobiographische Erzählung, ein Weltbuch im Überschaubaren, ein Geschichts- und Geschichtenpanorama ..“

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Autor Vesper informiert – als quasi auktorialer Erzähler – eine Kolportage seiner persönlichen Erlebnisse und weitererzählten und von ihm in privaten Erreichbarkeiten nachgefragten Wertorientierungen, Tathandlungen, Bezeugungen, Umgänglichkeiten, Undank, Eigennutz und Misslingen, Träume, Hoffnungen und Vorstellungen – über seinen inhaltlich-gegenständlichen Auswahlschlüssel für seine „Autobiografie“ FROHBURG, die mit dem Impetus der Bescheidenheit einerseits und eines absoluten Alleinstellungsanspruchs der Eigenform-Stellung in der WELTLITERATUR jetzt vorliegt.

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Die exponierte Geografie FROHBURGs sollte den Blick auf Leipzig entfalten – aber Guntram Vesper erklärte sehr bald, FROHBURG reicht bis zu Familienvorfahren des Ersten Deutschen Reiches in den Jahren 1864 zurück. Wovon die lebenswichtigen Prägungen der Vesper-Stammbaum-Gruppen mehr ins Erzgebirge, nach Böhmen, Sudeten und Schlesien und nicht so sehr in die norddeutsche Tiefebene hinausstanden. Einschließlich der Westemigration ab 1957 nach Gießen bzw. ab 1963 bis heute im Dreiländereck, Südniedersachsen, Nordhessen, Westthüringen – in der schönen Hannoveraner Universitätsstadt Göttingen, wo Dietmar Moews ab 1973 Jurisprudenz studierte, ausuferte FROHBURG hauptsächlich ins erzgebirgige böhmisch-tschechische Grenzland.

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GUNTRAM VESPER blickt auf die Meister:

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ROMAN-AUTOBIOGRAFISCHE EIGENFORMEN, als Beispiele eigener Formen, die aus der aktuellen Literaturlage herangezogen werden könnten, ohne eine Rangfolge aufgezählt:

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Laurence Stern: Tristram Shandy; Marcel Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit; James Joyce: Ulysses; Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften; Thomas Mann: Buddenbrooks; Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz; Ernst Jünger: In Stahlgewittern; Antoine de Saint-Exupéry: Le Citadel; Ernest Hemingway: Wem die Stunde schlägt; Arno Schmidt: Kühe in Halbtrauer; Alphons Silbermann: Verwandlungen; Peter Handke: Die Angst des Torwarts beim Elfmeter; Uwe Johnson: Jahrestage;

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GUNTRAM VESPERS eigene Navigation und roter Erzähl- und Handlungsfaden für die Leser in FROHBURG (2015):

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Autor Vesper bestimmt Alles aus seiner Sicht sowie aus Sicht seiner Menschen – äußere Geschehnisse und Mitteilungen, innerer Wahrnehmungen – regelhafte sowie unregelmäßige Gefühle, Desorientierungen und Orientierungen zu seinen Eigenform-Inhalten – sein individuell vollständiges gelebtes Leben, einschließlich aller Normalitäten, Trauerprozesse und Begeisterungen.

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Vespers roter Faden mag ihm in der Selbstwahrnehmung gelungen sein. Dem fremden Leser wird es gehen, wie beim Erststudium von Anna Karenina oder Krieg und Frieden: Du beginnst, dir die Namen und Typen zu merken, die Tolstoi auflaufen lässt – immer mehr und noch mehr, neue, andere, und – sie kommen nicht wieder vor. Du wirst blöde von den vielen Namen.

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In FROHBURG schafft Vesper eine geniale Eigenform, die sofort funktioniert und vollkommen befriedigt:

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Seite 1 tritt die erste Zufallsperson auf den Plan und kolportiert einen lesenswerten Kurzakt. Das schreibt Vesper wie Konfekt, in kürzesten und prägnanten Mitteilungen an seine Lesekundschaft. Autor Vesper zieht darin stets eine sehr virtuose Dramaturgie-Spannung hoch – wenn daran viele weitere Geschehnisse angebunden sind, die ganze Welt aber zu komplex ist, unterbricht der Autor einfach, indem der Faden, wie im wirklichen Leben, abrupt von neuen Erzählakteuren geschnitten und alsgleich zu völlig anderen, weiteren Mitteilungen es kommt. Der Anschluss dieses ziemlich verrückten Patchwork-Short-Story-Stils wird jedesmal anders, mal aus den sozialen Beziehungen der Erzählakteure, mal vom angeschlagenen schicksalhaft springenden Thema her, mal vom auktorialen Erzähler veranlasst, der offengebliebene Fragen einschießt, notfalls sogar auf Google, Wikipedia oder die häusliche Büchersammlung verweist.

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Es dürfte hiermit klar werden, selbst sollte der Autor an jeder Stelle von FROHBURG immer noch wissen, wer gerade dran ist, aus seinem Lebenswissen zu erzählen, wer gerade mit wem da redet, Tee oder Schnaps miteinander trinkt oder auf einer Autoreise unterwegs sein mag – der Leser wird sehr bald darauf verzichten rückwärts zu blättern, eine Erzählperson zu identifizieren, weil die genannten Personen als Individuen viel zu wenig Farbe haben, um mehr als die Cut-and-Paste Miniaturen zu verfolgen. Erst nach den 1002 Seiten sind Hauptpersonen, der Tierarztvater, die Ehefrau-Mutter, der Bruder, Guntram Vesper selbst, Partnerin Heidrun, auch nicht unverschämt, aber gerne glaubhaft, konturierte Hauptpersonen – während alle möglichen Selbstmörder, Vergewaltigungs- und Mordopfer nicht ausreichend farbiges Gepräge mitbekommen konnten, wollte das Buch nicht 4000 Seiten betragen.

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S. macht gar nichts! – die teils fliegend wechselnden Erzähl- und Handlungspersonen nicht stets zu erkennen. Dafür trägt die immer spannende und ansprechende Handlungsprägnanz den Lesefluss von selbst.

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Man liest von A bis Z gerne und locker. Man nimmt es freiwillig mehrfach neu heraus, weil in Lesers Innenleben mancher FROHBURG-Plot aus Guntram Vespers Leben eigenmächtigen geistig-selischen Anschluss auslöst.

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GUNTRAM VESPERS LEBENS-Themen in FROHBURG, dem autobiografischen Roman von 2016:

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Der Autor baut sinnvoll auf:

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Es beginnt mit extrem kurzen Neuigkeiten, die eine gewisse Beliebigkeit in dem Sinne haben, dass sie ersatzweise von anderen Erzählpersonen ähnlich, anders oder genauso gebracht worden sein gekonnt hätten; wenngleich sich daraus gewissermaßen eine „Hierachie der Bedeutungsspiele“ aufbaut, die, weitergelesen, durchaus Funktionen fürs Gesamte tragen.

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So erzählen die zufällig auftauchenden Erzähler, auch als ZEUGEN des AUTORS, wie der als symbiotisches Familienglied des im sächsischen sondergestellten Tierarzthaushalts VESPER, in die Welt wächst, seine Individualität, seine Dynamik, seine Aktivitätsrichtungen, Fragen, Unternehmungsgeist, Expansion in jedwedem Betracht, Vorstellungsorientierung im sozialen Schwimmbecken und in der reiferen Grundausrichtung – Charakter, Solidarität, Erleichterungs- und Dispens-Praktiken und FICKEN bevor Langeweile aufkommt:

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Ohne Anmutung einer Rangordnung oder Bewertung, sind hier die Themen von FROHBURG aufgezählt:

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SEX – in allen Spielarten – Anäis Nin lässt grüßen;

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Mord- und Totschlag – von der stalinistischen Standrechts-Kugel bis zur WISMUT/URAN-Vergiftung im Erzgebirge.

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Die Familienanschlüsse, die individuellen und beruflichen Extrapolationen aller Hauptpersonen von FROHBURG, besonders des Autors Vesper selbst.

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Die Tiere und Haustiere beim Tierarzt, nebst allen neumodischen Haustieren, Singvögeln und Schwarzschlachtungen im Hinterhof.

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Mehrere Generationen Mediziner, Ärzte, Heilversuche, Apothekenwesen, Drogerie, Hauskuren und Rosskuren, Selbstversuche und alljährliche Blinddarmentzündungen der Arztgattin ohne Chirurgie. Immer wieder das zum Tode führende Leben, das immer, erst ganz am Ende, sehr kurz ist.

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Alle fahrbaren Untersätze, vom Kinderfahrrad zu den ersten Motorrädern auf vereisten Winternachtposten und allen frühen Automobiltypen, die der Landarzt einschließlich dem ständigen Treibstoff-Privileg, als Heizöl, als Benzin und als Zweitaktgemische, nicht zuletzt Alkohol als ärztliches Werkzeug, notfalls zum Selbertrinken. Flugzeugfliegen und Fernsehen nicht so ausgeprägt. Zigarretten- und Tabakrauchen in guten und schlechten Zeiten.

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Die konkreten Stalinismus-Besatzer aus Russland, die DDR-SEDisten, die unglaublichen sozio-kulturellen Verhaltensweisen an der Tschechisch-DDR-Staatsgrenze im Erzgebirge, unter der Roten Armee.

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Der Leser- und Buchmensch Vesper, der zur höheren Schule geht und einen alltäglichen Umgang – auch seiner Familie – im abendländischen Kulturkanon mitkriegt und sehr bald Bücher an sich zieht. Er achtet auf Feinheiten, schaut bei Buchhändlern, wünscht Buchgeschenke, tritt im Schulunterricht freiwillig zu den Buchmenschen.

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Später studiert Vesper die gesamte Weltliteratur – wie es kommt – und was er sich heranholt – Vesper bleibt zeitlebens Einzelgänger im DGB-Schriftsteller-Verband VS bzw. Die Feder“ und die niedersächsischen Horen, mit Ehegattin und vertrautem jüngeren Bruder.

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Guntram Vesper bildet ein Ehepaar, dass sich materiell kleinbürgerlich, immateriell kunstbürgerlich in Göttingen einrichtet und entsprechende Jahresurlaube eher an die DDR-Ostsee, Hiddensee, weniger Genitalien (gen Italien) sucht.

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Die jahrgangsspezifische 68er-Ausrichtung, die über Beatlesmania, Vietnam-Demos und Mao-Polemik, Ho Shi Minh-Schreier und Günter Grass-Salonpersonnage-Klüngel der SPDisten, schien den jungen Guntram Vesper nicht anzuziehen. Zumal sein Familienname VESPER zunächst in Verbindung mit dem Nazi Will VESPER und dem 68er-Reiseautor Bernward VESPER leicht eingängig aufgenommen wurde – und wie die bittere Frucht ausgespuckt wurde, wenn sich diese geistige Beziehung nicht bestätigte. Eine Freundschaft mit so einem Kurt Morawietz macht doch eher traurig als ermutigt.

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Das WELTBUCH FROHBURG ist voller kompetenter, immer ausreichend belegter Meinungen des Autors, so über das Leichtgewicht Walter Kempowski, die deutschen Verlags-Beachtlichkeiten, die Nobelrobbe Günter Grass mit STEIDL-Göttingen, Karl May und die einschlägigen Hitler-Kolportagen im engen Famlienkreis und in den sächsischen Erlebnisdimensionen, des 1941 geborenen.

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GUNTRAM VESPER erwähnt auf Seite 960 Namen, IKEA, Baselitz, Wolfgang Mattheuer linientreu, wie Pall Mall, Sabine Christiansen, Tagesthemen, dann gesteigert in LAPTOP und Google.

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GUNTRAM VESPER liebt es in die sächsischen Mundartlichkeiten einzutauchen und mitzuteilen, wie FROHBURGER onomatopoetisch sprachen und hörten, anders als LEIPZSCH, oder Dräsdn oder Koal-Morx-Stödt.

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GUNTRAM VESPER surft nicht als Kritiker oder Parteipolitiker, wenn er aufs Kürzeste eindeutige Distanz zu Johannes R. Becher – „…Rückschritt, den man Fortschritt nannte, sowie das Beten jeder Eloge der Zeitungen … was sie wirklich dachten, behielten sie für sich. In allen Städten Puschkinplätze und Maximgorkischule. Überhaupt Puschkin, der Adelsgeck und Duellkönig als Genie als verzögerter Goethe. Von Gorki ganz zu schweigen… Stalin kam einmal in der Woche zu Besuch in die Moskauer Staatsvilla der Peschkows, mitten in der schlimmsten Säuberungszeit, in der er alle zwei Tage und streckenweise sogar täglich Listen mit tausend und tausend Namen unterschrieb: Höchststrafe. Also Tod. Schriftsteller als Ingenieur der Seele. Es war Gorkis Idee, die Stalin aufgriff. Wer da nicht mehr ins Bild passte, hatte Pech gehabt ….“

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… und auch bei uns, im östlichen Drittel, wurde gesiebt und gefiltert, für uns oder gegen uns, Neues Deutschland, Neuer Tag, Leipziger Volkszeitung, Volksstimme, Volkswacht, Das Volk, Freie Presse, Freies Wort, Freie Erde, Freiheit, urkomische Zeitungsnamen in urkomischer Steigerung, Freud und Brecht und Peter Huchel jedenfalls nebst Sinn und Form kamen nur bis kurz vor oder hinter Leipzig, bei uns keine Kunde, kein Echo, nichts. Solche Zeiten, solche Lehrer. Der Anhauch Verbitterung.“ (aus Schöffling-Verlagsbroschüre zu FROHBURG, 2016)

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GUNTRAM VESPER fotografierte. Er muss höchstinteressante sehenswerte Fotos aufgenommen haben, denn sein Lebenswerk enthält Sepia-aquarellierte Architektur-Darstellungen, mit feinem Anspruchsauge.

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Das ist die kleine POETOLOGIE: VESPER verkettelt Alles, was ihn und seine Leute im Leben ansprach und zur Sprache gekommen war oder hätte kommen können, wie eine tägliche BILD-Zeitung. Allerdings zieht er und seine Erzählpersonnage, die teils extremistische Sonderlinge waren, stets moralische und sittenbezogene Annotationen hinzu. Dabei hielt sich GUNTRAM VESPER dort auf, wo man freiwllig einräumt:

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DIESSEITS von GUT und BÖSE – also auf der Seite der Menschen, selbst, wenn das allzuoft tragisch ausgeht. Aber VESPER postuliert nie das idealische JENSEITS von GUT und BÖSE, wenn es kostet.

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GUNTRAM VESPER hatte als DDR-Schulkind erlebt, was es heißt, doof zu sein und vorgeführt zu werden – seine Künstlernatur, seine sichere Partnerwahl, sein sich selbst erst im Alter zugesprochenes soziales Augenmaß, hat er mit FROHBURG in eine meisterliche „Cut-and-Paste“-Eigenform bringen können. Die dadurch mögliche Schnittgeschwindigkeit ist letztlich von der virtuosen Schreibtechnik abhängig, die er begeisternd vermag. Was bei Film, Fernsehen und Video längst – mit noch mehr Beschleunigung – weitergezogen ist, kommt mit FROHBURG zu einer schockierenden Qualitäts-Textur.

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Noch eine persönliche Geschmacksäußerung des Klein-Poetologen Moews:

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Wie man deutlich merkt, dass Uwe Johnsons vierbändigen JAHRESTAGE von einem wildwerdenden jungen Kraftbolzen abgefasst wird, so merkt man in Guntram Vespers großen FROHBURG das herankriechende Alter des Autors, der mit seinem modernen Lebensgefühl die postmoderne Fremdheit erleidet, als sei ein Leben im Alter nicht mehr so „inter essant“.

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Vielleicht darf man den Achselschweiß-Geruch bei Arno Schmidt und die Umständlichkeiten bei Reinhard Jirgls Fotoalbum-Berichten „Die Stille“ von 2009 anzeigen, um zu sagen, wie dagegen meisterlich hoch und frei VESPERS FROHBURG ausgreift.

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Der Leipziger ROMANPREIS 2018 für den FROHBURG-Roman von GUNTRAM VESPER ist völlig berechtigt und ehrt die Leipziger Auslober.

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RINGELNATZ, den Wurzener Maler, scheint VESPER nicht gekannt zu haben, obschon doch im Jahr 2002 die ziemlich geräuschvolle RINGELNATZ-Tagung – mit zweifelhafter Deutungshoheit – in Vespers Wohnort Göttingen aufgezogen worden war.

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DIETMAR MOEWS 1972 in Minden Westfalen als junger Hafenbauingenieur

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Galerie M auf dem Kunstmarkt Göttingen 1974, Dietmar Moews, links und Gerhard Merkin

Galerie M auf dem Kunstmarkt Göttingen 1974, Dietmar Moews, links und Gerhard Merkin

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