Bürgerpolitik: Eine Freundin emailt – Doktor Winterlatt antwortet

Lichtgeschwindigkeit 4265

am 2. April 2014

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Gruß

Lieber Kuckuck. Beunlustigt beobachte ich bei mir selbst, so oft ich mit Repräsentanten unzufrieden bin, besonders bei Politikern geht es mir so, dann überfallen mich zusätzlich Ekelgefühle angesichts von Niedertracht und anscheinend geringer Bildung. Damit meine ich gar nicht Wissen oder Können oder Professionalität, sondern das übergreifende Gepräge durch Menschlichkeitswissen, Weisheit und Augenmaß, das man wohl braucht, um Gerechtigkeit zu erkennen und auch durch Selbstdisziplin der Allgemeinheit gegenüber zu bringen, auch da wo es sich nicht direkt auszahlt oder kostet.

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Beinahe glaube ich, dass ich besonders ärgerlich bin, wenn ungebildete Leute gleichzeitig reich und mächtig sind, als sei ein bescheuerter Millionär schlimmer als ein strunziger Hilfsarbeiter.

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Ist es nicht auch überhaupt schwierig, jemand Bildung, sich zu bilden nahezulegen, der Zweck und Nutzen solcher Anschaffung gar nicht zu gebrauchen wüsste? Was könnte man dem Ungebildeten sagen, der täglich erlebt, wie gute Sitte oder Moralverpflichtetheit ausgenutzt und bestraft wird, während die Rücksichtslosen den Ton angeben?

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Antwort

Man muss sich da wirklich hineindenken und sich fragen, in welchen sozialen Situationen, wo man selbst entscheidet, wie man sich verhält und was man dazu sagt – meist sind das, Verhalten und Erklärungen, unterschiedliche Positionierungen -, wie sehr man dabei auf Gerechtigkeit oder ein übergeordnetes So-Sein-Sollen auch selbst befolgt? Wie gesagt, reden wir nicht einfach von Gesetzestreue und Recht und Ordnung. Wir reden von Spielräumen allgemeiner und konkreter Regeln, ja auch Vorschriften, an denen man sich vorbeimogeln kann, die man einfach übersieht oder gar nicht kennt, oder in dem man glaubt: Merkt ja keiner! Oder: Zahlt ja die Versicherung!

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Am einfachsten scheint dazu Beispiele zu betrachten, in denen man selbst den Bildungsmangel anderer Adepten erleidet und ärgerlich wird.

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Bei Max Weber, dem „Sozialkundler“, gibt es Betrachtungen über seine Zeit – Ende des 19. Jahrhunderts bis1920, als es speziell im 1871 gebildeten Ersten Deutschen Reich politische Parteien gab und Bürgerliche gab, die Kapitalisten waren und Parlamentsabgeordnete, dass es außerdem auch weiterhin Adelige und Militärs gab, die in der Staatspolitik aktiv waren. Und Max Weber erklärte, dass und wie welche neuen verschiedenen Bürgertümer, Kaufleute, Ingenieure, Künstler, Ärzte, Adelige, Privatiers, Bankiers, Professoren, Militärs, nicht unbedingt gebildet waren. Ein Adeliger war nicht von der Famileinabkunft her gebildet. Ein Schneider oder Buchdrucker waren eher gebildet, weil er seine Lebenszeit zum Denken und Nachdenken benutzen konnte – ein Kaufmann oder Börsianer war stets in Hektik und ziemlich bedenkenlos ungebildet.

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Wer Millionäre für faule Zeitgenossen hält, die auf ihren Yachten Veuve Clicquot süffeln, irrt. Sie sind süchtig nach politischer Arbeit und wollen dem Gemeinwesen dienen. Nicht nur in der Ukraine oder in Russland ist das eine schöne Tradition, im US-Senat sitzen sie zu Hunderten, in der britischen Regierung haben sie die Mehrheit, im chinesischen Parlament sind es schon 75. Jedenfalls sagen die das – ihr Verhalten ist meist anders, nämlich eigensüchtig und rücksichtslos geartet.

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Dagegen wirken die paar reichen Hanseln in der französischen, spanischen oder kosovarischen Politik geradezu lächerlich. Ganz zu schweigen vom Berliner Senat. In dem vertreibt sich einer der wenigen Kuponschneider die Langeweile im Finanzressort, ohne dass die hochqualifizierte Amtsführung ihre Spuren in der Stadt hinterließe. Unauffälliger hätte es auch ein Nichtmillionär oder Kontoüberzieher nicht machen können.

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Fragen wir also: Soll ein Millionär im Parlament nicht mal Gehalt bekommen? Abgeordnetenvergütung? Ist es denn nur zum Kotzen? Weder Karl Marx noch die von ihm aus den zu kurzen Ärmeln gezauberten Arbeiterklassen waren gebildet, in dem deren teils verschärftes Auskennen keinesfalls zu moralischer Qualität, mehr als Selbstgerechtigkeit je gereicht hätte. Heinrich Heine, der Schriftsteller entsprang dem deutschen Bankiersbürgertum, war nicht die Arbeiterklasse. Marx selbst war Gereichtsrats Sohn, ein übler Wicht, wie man in sämtlichen Hinterlassenschaften stets unerwünscht mitgeliefert bekommt, wenn man Marx nur anfasst: ÜBEL. Und die gebildete Arbeiterschaft?

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Ich glaube, mit Machiavelli, dass Republik besser ist als alle anderen Sozialorganisationen. Wie ökonomisch leistungsfähig eine Organisation im Konkurrenzkampf sein kann, wenn stets prozessurale Abstimmungen zwischen Profitentscheidung und demokratischer Mitbestimmung wegen Gerechtigkeit und so weiter gefunden werden müssen, während auf der Gegenseite der Sultan Putin seine Bildung ausspielt? – das ist die Frage zur Staatskunst.

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Niemand ist gehindert, in seinen politischen Gesprächen stets auch Bildungsfragen, Gerechtigkeit und Schönheit anzusprechen.

Kuckuck

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