Internetz-Kontrollen über Porno-Angst: Eine Freundin emailt – Doktor Winterlatt antwortet

Lichtgeschwindigkeit 4259

am 31. März 2014

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Gruß

Lieber Kuckuck. Wir haben kürzlich Jugendschutzfilter am Internetz und für Netzseiten diskutiert. Ich sehe die sogenannten Jugendschutzfilter kritisch, weil sie oft zuviel oder zu wenig weg filtern und ich eigentlich nicht möchte, daß in einer Demokratie Jugendliche mit Zensur groß werden.

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Da muß es andere Möglichkeiten geben.
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Naja, Jugendschutzvorschriften sind vermutlich überhaupt Zensur in diesem Sinne. Da gibt es auch schlicht keine Alternative zu, so lange das Ziel ist, Kinder und Jugendliche nicht mit für sie in ihrer Entwicklungsstufe ungeeigneten Schriften (im weiten Sinne des StGB, also einschließlich Bilddarstellungen, Filmen und Lautäußerungen) zu konfrontieren.

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Was meinen Sie als Internetz-Soziologe?

Gruß

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Antwort
Es ist immer sinnvoll, die Verlautbarungen anzuschauen, welche Motive und Interessen dahinter stecken mögen, wenn Begründungen angeführt werden, die mit dem Verhalten derjenigen, die hier reden, nicht ganz stimmig scheinen.

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Wenn es heißt „das Gute“, dann schaue ich, ob es wirklich gut ist. Oder wird nur behauptet, Gut und Schlecht seien doch ganz klar. Denn – im Falle des Zensur/Schutz-Verlangens ist offensichtlich die Zensur lediglich Zensur – Zensur macht dumm – und Schutz wäre demnach Schutz vor Intelligenzentfaltung und Urteilskraft – das hält dumm und ist eindeutig abzulehnen.

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In meiner Familie gab es offene Bücherschränke und Bücherregale, Radio, Plattenspieler und Fernsehgeräte – nie Beschränkungen. Die Bücher habe ich bis zum Alter von ca. 15 Jahren komplett durchgelesen – es waren mehr als tausend. Da war Manches dabei, was mir wenig sagte und viel Geduld abverlangte. „Anna Karenina“ von Tolstoi war mir wirklich nicht ganz geheuer. Heute weiß ich, es ist ein durchaus bedeutender Roman, für den ich damals mangels Lebenserfahrung und Literaturwissen nicht das notwendige Bildungsinteresse mitbringen konnte: Ich verzweifelte daran, mir alle Personen zu merken (die dann nicht mehr wiederkamen).

Hat es geschadet? Während, was es da an erotisch-sexuell anregendem Material gab – war eben erotisch-sexuell anregend. Manchmal reichte es, wenige Zeilen zu lesen … Schaden? Haare zwischen den Fingern?

1. Mir scheint manches im Jugendschutz eher Krypto-Pietismus zu sein (Von „cryptos“ – „verborgen“ und „pius“ – „fromm“). Es geht da eher um religiöse oder quasi-religiöse Vorstellungen, als um Jugendschutz. So in der Art: „Wir fühlen uns nicht wohl, wenn wir Pornos ansehen, aber sein lassen wollen wir es auch nicht, dann verbieten wir es den Jugendlichen, dann haben wir unsere Pflicht getan.“

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Viele Jugendliche werden das so wahrscheinlich nicht sagen, aber doch so ähnlich fühlen.

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Und es macht einfach einen Unterschied, ob man glaubt, man würde vor schwierigen Situationen bewahrt, bis man alt genug ist, damit umzugehen, oder ob einem hier (quasi-)religiöse Vorstellungen aufgezwungen werden.

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Vorbild, Vorbild!! das kann immer wieder betont werden: Wer als Erwachsener den Kindern die Liebe predigt, schafft eher Prediger als liebevolle Menschen: Besonders, wenn die Leute, die einem Vorstellungen aufzuzwingen versuchen, sich selber nicht daran halten – sind sie den jungen Leuten lediglich langweilig, aber keine glaubhafte Orientierungshilfe.
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2. Die Sexualmoral ist in einem heillosen Vorurteilssumpf. Es ist einfach schwierig zu erklären, warum man ab vierzehn Sex haben darf, aber erst ab achtzehn Pornos ansehen. Es ist schwierig zu erklären, wo die Jugendlichen die Informationen her bekommen sollen, die sie brauchen, um mit vierzehn eine verantwortliche Entscheidung zu fällen. Es ist auch schwierig zu erklären, warum man in Kindergärten Sexualaufklärung machen soll, warum Eltern ins Gefängnis kommen, wenn sie ihre Kinder der Zwangs-Aufklärung in der Schule entziehen wollen. – Aber Pornos ansehen verboten ist.
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Die widersinnige Irreführung sieht man auch bei der Prostitution-Politik: Vor ein paar Jahren hat man das zum normalen Beruf erklärt, jetzt wird es verboten. – Wir kennen die Argumente. Aber wenn sich die Erwachsenen so uneins sind, nicht nur in der Frage, sondern in praktisch jeder, dann ist die Gesetzgebung gegenüber Jugendlichen einfach schwer zu erklären.
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Und ein volljähriger Vertreter der mündigen Internetzbenutzung steht immer in der Situation, dass er auch ein Vertreter der Erwachsenen ist, und das gegenüber ungebildeten Eltern zu rechtfertigen hat. Und wenn er sagt, dass es die Erwachsenen auch nicht regeln können, ist damit noch keine mündige Urteilskraft bei einer „Kundschaft“ geschaffen, die gegenüber parteipolitischen und massenmedialen Irreführungen ziemlich schwimmt. Mob und Volksverhetzung wird immer wieder mit plumpen Angstansagen mobilisiert.

3. Es ist nicht so recht klar, wovor die Jugendlichen eigentlich geschützt werden müssen. Und wenn es eine Gefahr gibt, dann müssten die Jugendlichen über diese Gefahr aufgeklärt werden – ähnlich wie man das bei Alkohol, Drogen, Straßenverkehr, und bei Geschäfts- und Vertragsleben auch macht. Da sorgt man doch auch dafür, dass die Jugendlichen, wenn sie in die Situation kommen, möglichst auch eine verantwortliche Entscheidung fällen können, weil sie um die Konsequenzen wissen.
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Für das Internet gibt es einen sehr fragwürdigen „Internet-Führerschein“. Mir hat bislang niemand einen „Sex-Führerschein“ angeboten. Aber was könnte das sein?

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Als Lehrer an einer Haupt-und Grundschule – in den 1970er Jahren – habe ich mal im Lehrerzimmer unter Kollegen und Kolleginnen den Vorschlag gemacht, es wäre sicher eine erhebliche Hilfe, wenn die geilen männlichen Jugendlichen vor dem Unterricht ein Häuschen an der Schule besuchen könnten, wo ihnen die sexuelle Lust befriedigt werden könnte – und sie folglich mehr Konzentrationsfähigkeit für den folgenden Unterricht bringen könnten. Damals wurde allseitig erheblich über die unbändigen Jungmänner als Störung der gesamten Unterrichtsarbeit gelitten. Wie könnte also ein Sexlehrplan für einen Sex-Führerschein aussehen?

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Als Lehrplan würde ich vorschlagen:

– Verhütungmittel

– Körperliche Veränderungen durch Schwangerschaft und Mutterschaft
– Gesetzliche Altersgrenzen
– Zustimmung, Zustimmung unter Alkoholeinfluss, unfreiwillige Zustimmung
– Entsprechende Missbrauchsdefinitionen
– Soziale Konsequenzen, Slut-Stud, Doppelmoral
– Sorgerecht und Unterhalt

Und für die Fortgeschrittenen:

– Religiöse und säkulare Wertesysteme
– Statistiken, und wie sie gefälscht werden

Es gibt durchaus Aufklärung. Aber der aktuelle Bildungsplan von Landesregierungen sieht Punkte vor, die die Interessen einer bestimmten Lobby den Kindern gegenüber vertreten. Dafür gibt es in der Richtung nachvollziehbare Gründe, dass man erreichen möchte, dass die Kinder keine Probleme machen. Dabei macht man sich zu wenig Gedanken darüber, was die Kinder zur Entfaltung ihres Urteilsvermögens und für ihre eigenen Interessen wissen müssten, damit sie sich möglichst pfiffig Problemen gegenüber entfalten können. Das wirft also Fragen auf, ob die Zensur wirklich dem Schutz der Kinder dienen kann und ob die Zensur tatsächlich so begründet ist?

4. Der Jugendschutz wird zur Zensur für Erwachsene benutzt. Es gibt kein anerkanntes Mittel, Kinder und Jugendliche von Internetseiten fern zu halten. Nun zwingt man Seiten, komplett vom Netz zu gehen. – Übrigens auch da nach einem Muster, das nach Lobbypolitik von Inhalten, und nicht nach Jugendschutz aussieht. Und insofern ist der sogenannte Jugendschutz im Internet in besonderer Weise kritikwürdig.

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http://www.youtube.com/watch?v=CPtmvBhYTv8
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Und wenn man das nicht beachtet, dann wirkt man halt leicht wie der
Alte, der ohne Handy aufgewachsen ist, und den Kindern jetzt sagt, dass
sie folglich auch keines brauchen.

Kuckuck

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