1914 Die Avantgarden im Kampf /2 Lichtgeschwindigkeit 4107, Dietmar Moews, am 4. Februar 2014 Täglicher Bonus zur Ausstellung in der Bundeskunsthalle von Dietmar Moews und Otto Nebel – 8. November 2013 bis 23. Februar 2014

Dietmar Moews, Köln, 4. Februar 2014

Dietmar Moews, Köln, 4. Februar 2014

c. Dietmar Moews 2014
„Was wäre die moderne Kunst ohne den Ersten Weltkrieg? Eine wunderbar spekulative Ausstellung in Bonn“ – mit solchen Sätzen haut die heutige Salonpersonnage, die das Sagen in der Bundeskunsthalle Bonn hat, auf die Kacke der medialen Anschlusshöhe, in der Annahme es wird keine Geschundener jener Kriegszeit mehr dazu kommen, diesen Schmierfinken in die Fresse zu hauen. Hybris der von sich selbst besoffenen Mediokristen des Salons, die sich selbst wunderbar finden.

Mit der Ächtung des Krieges, die dem Maler Dietmar Moews stets eine Einstimmungsaufgabe zur Kunstkauflust ist, seit den 1970er Jahren mit der „Künstler für den Frieden“-Ausstellungen und jetzt zu „1914 Die Avantgarden im Kampf“ in täglichen Lichtgeschwindigkeit-Folgen – hier Folge 2 – die Ächtung des Krieges und der Gesellschaft, die ihn hervorbringt – ZUGINSFELD – Malerei von Dietmar Moews mit ZUGINSFELD von Otto Nebel, dem expressionistischen Gedicht aus dem Jahr 1918.

Mitteldeutsche Zeitung v. 25. Juni 1997

Mitteldeutsche Zeitung v. 25. Juni 1997

Mitteldeutsche Zeitung aus Halle schreibt am 21. Juni 1997: „Apostel trifft Polizeipräsident – Ausstellungen mit Kriegsbildern in Marienkirche und St. Georgen … interessante Ausstellung wird noch bis 10. Juli in der Georgenkirche gezeigt. Der Leipziger Dietmar Moews stellt in dem Gotteshaus in der Glauchaer Straße 77 einen Teil seines Bilderzyklus zum Kriegsgedicht „Zuginsfeld“ von Otto Nebel aus. Nebel, ein 1892 in Berlin geborener Maler und Dichter, hat sich in seinem 1918 in englischer Gefangenschaft entstandenem Gedicht mit Entstehung und Wesen des Krieges beschäftigt. In expressionistischer Manier hat er auf 188 Seiten Redewendungen und Stichworte aneinandergereiht. Moews greift sie auf und macht sich seine eigenen Gedanken. Die 18 großformatigen Bilder, überwiegend Öl auf Leinwand, zeigen behelmte Soldaten von hinten, Grabfelder, einen Gefallenen oder einen Mann im Kellerloch./ Moews stellt aber auch Collagen vor, montiert ein Foto von Kaiser Wilhelm auf die weiße Friedenstaube, arbeitet mit Fotografien, Zeitungsausschnitten und Briefmarken. Er könne und wolle den Leuten nicht sagen, was in den Bildern zu sehen ist“. Krieg sei für ihn allerdings „ein wesentliches Gestaltungselement unserer heutigen Lebenswelt“. MZ/dlf/asc

Der Erste Weltkrieg gilt als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“. 70 Millionen Soldaten standen in Europa, Afrika, Asien und auf den Weltmeeren unter Waffen, 17 Millionen Menschen verloren ihr Leben. Die prägenden Jahre von 1914 bis 1918 waren Endpunkt und Neubeginn zugleich. Mitten in den Auseinandersetzungen kämpften auch die Künstler, und die Ereignisse hinterließen in ihren Werken deutliche Spuren. Otto Nebel war Weltkriegssoldat und entkam im Jahr 1918 der Gefangenschaft aus dem englischen Colsterdale, wo er das Zuginsfeld aufgeschrieben hatte. Otto Nebel zählte zum Kreis der Zeitschrift „Der Sturm“ von Herwarth Walden, wo Zuginsfeld in zwei umfangreichen Folgen im Jahr 1923 erstmalig publiziert worden war.

Die Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn untersucht das Schicksal der modernen Kunst in ihrem Zusammenhang mit dem Ersten Weltkrieg, allerdings unter der einäugigen Kunst-und Künstlerauswahl der heutigen Salonpersonnage. Stets unter Ausgrenzung derjenigen unabhängigen Künstler wie Otto Nebel oder Dietmar Moews.

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Durch die völlig neuen, existenziellen Erfahrungen des Leidens und der Zerstörung fanden zahlreiche Maler und Zeichner noch in diesen Kriegsjahren zu bewegenden neuen Themen und bildnerischen Verfahren. Schon während der Krieg wütete, versammelten sich in der neutralen Schweiz emigrierte Kriegsgegner und gründeten 1916 Dada als internationale Protestbewegung, spätere Surrealisten forderten einen „esprit nouveau“ als Inbegriff der von allem Alten sich befreienden Kultur, wieder andere Künstler näherten sich der vollständigen Abstraktion. Bei Kriegsende waren die Weichen für die richtungsweisenden Strömungen des 20. Jahrhunderts gestellt. Und was brachten ästhetische Erfahrungen mit dem Zweiten Weltkrieg?

Otto Nebel Grafik zu ZUGINSFELD

Otto Nebel Grafik zu ZUGINSFELD

 

„Im Jahre 1930 vervollständigte ich das Werk im übervölkischen Sinne durch fünfzig Tuschfeder-Zeichnungen.“

Otto Nebel zit. nach Band 3 edition text + kritik, hrs. von René Radrizzani, München, Lausanne 1979.

Was macht die Salonpersonnage mit der Kunst des Jahres 2014, nachdem ein Kriegsjahrhundert in den Überlebenden die ästhetische Prägungen gefärbt haben? Die Salonpersonnage führt den „Großen Krieg“ ästhetisch als Weisheit vor, während dieselben Kustoden und Funktionäre der Salonpersonnage heute belanglose Hausfrauenkünstler herausstellen, die weit hinter Tatlin, Rudolf Schlichter und Walter Serner zurückstehen.

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Joachim Gauck

ZUGINSFELD gemalt von Dietmar Moews
Zuginsfeld, expressionistische Dichtung zur Ächtung des Krieges
(insgesamt XIII Abteilungen); aus Kriegsgefangenschaft 1918,
geschrieben von Otto Nebel (1892-1973), 181 Seiten lang

Dietmar Moews ZUGINSFELD Wehrkraft im Geiste 240cm/240cmÖl/Lwd 1980 in Hannover gemalt

Dietmar Moews ZUGINSFELD Wehrkraft im Geiste 240cm/240cmÖl/Lwd 1980 in Hannover gemalt

Der Gemeine
Zuginsfeld 1

DMW 286.35.80, 240/240cm
Öl / Leinwand, Schlagmetall-Vergoldung,
Sept 1980 Hannover Grünewaldstrasse 6 gemalt
Wehrkraft im Geiste
Wer
Der Mann
Pflicht gibt ihm Zwang und nimmt ihm Kraft
Zwang gibt ihm Waffen und nimmt ihm Wehr
Nimmt er das Gewehr über
Übernimmt
Und
Untergibt es ihn
Untergebener
Überlieferter
Der Mann ist geliefert
Vorgesetzter
Zurückgesetzter
So wird der Mann versetzt
Verstellt
Verrückt
Stehen Sie still, Sie!
Rührt Euch
Kopf hoch
Finger lang
Langfinger
Brust raus
Linkes Ohr tiefer
Kinn an de Binde
Augen rechts
Beine raus
Kopf ab
Es ist rührend
Keiner rührt sich
Dieser Stillstand
Wird der Mann gerührt
Brei ist rührig
Der Mann wird gedient
Gedienter Mann wird Bediener
Bedienter Narr ist Herr
Es ist verkehrt
Ganze Abteilung kehrt
Ganz verdreht
Maulhalten
Unterordnen
Ordnung muß sein
Es geht außerordentlich schneller
Geöffnete Ordnung
Geschlossene Unordnung
Unordentliche ordentlich hochnehmen
Ist alles in Ordnung
In Keinem ist sie
Im Kerne nie
Im Keime kaum
Von Untergebenen wird sie verlangt
Gelungen
Hinlegen!
Setzen!
Auf!
Knieen!
Über den Zaun
Auf die Bäume!
Unter die Räder!
Über
Und
Unter Wasser marschmarsch
Um auf die Bäume zu klettern
Um an den Wänden hochzugehn
Es ist ER
Der wahre Staat
Made in Germany
Muster ohne Wert
Gesetzlich geschützt
Schützt er den Mann
Er schützt ihn vor
Finster ist er
Kerkerfenster hat er
Schwedische Gardinen
Keine Luft bekommt er
Stinkkaverne
Stunkkaserne
Kasematte
Kantschukeller
Schilderhaus vor Katakomben
Bombastburg an Schinderschuppen
Zuchthaus hinter Baßtrompeten
Zeughaus
Tollhaus
Dummes Zeug
So verdummt ein Land
So verdummt ein Volk
Wehrmann ist kein Schutz
Schutzmann ist kein Mann
Vordermann ein Hinterhalt
Hintermann kein Unterhalt
Untermensch kein Mensch
Kein Halt
So verkommt ein Volk im Staat
So verkommt im Nichts die Saat
Gehen die Völker vor die Hunde
Und vergehen
Gehen Hunde vor den Völkern
Höllenhunde
Und Vergehen
Und Verbrechen
Brechen Völker in die Kniee
Und verröcheln unter Rädern
Unter Protzen
Ungeschützte
Unter Mordgeschützen
Vorgehetzte
Reiten Schemen vor den Wesen
Flieg die Urkraft hoch
Verpufft
Zu Was
Zu Wasser
Zugrunde
Wer steigt dem Staat auf das Dach
Ach
Zwang entmannt
Entmannter Mann ist gemeint
Der Gemeine

ZUGINSFELD gemalt von Dietmar Moews
Zuginsfeld, expressionistische Dichtung zur Ächtung des Krieges
(insgesamt XIII Abteilungen); aus Kriegsgefangenschaft 1918,
geschrieben von Otto Nebel (1892-1973), 181 Seiten lang

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